Mit 69 Nepali. Und Roller.
Der blaue Fleck am rechten Bein stammt vom Dienstag. Der am linken Arm vom Freitag. Den dritten kann ich nicht mehr zuordnen.
Sie stammen von meinem Motorroller.
Vor zwei Monaten konnte ich ihn nicht einmal starten. Heute fahre ich täglich. Nicht gut. Nicht sicher. Aber ich fahre.
Der Unterschied zum Fahrrad ist klein und entscheidend. Beim Fahrrad regeln die Beine die Geschwindigkeit. Beim Roller die rechte Hand.
Und diese Hand will sich festhalten, wenn es unsicher wird. Festhalten heißt Gas geben. Genau das darf nicht passieren.
Mein Körper ist 69 Jahre alt. Meine rechte Hand ist Anfänger.
Ich lerne auch Nepali. Seit drei Wochen.
क, ख, ग
Meine Hand kennt diese Zeichen inzwischen. Sie schreibt sie langsam. Aber sie schreibt sie.
Nepal hat rund 30 Millionen Einwohner. Über 120 Sprachen werden hier gesprochen. Nepali ist die gemeinsame Sprache. Fast alle sprechen sie. Als erste oder zweite Sprache. Insgesamt etwa 30 Millionen Menschen.
Ich lerne also nichts Exotisches. Ich lerne das, was den Alltag trägt.
Gestern auf dem Markt.
Ich sage:
“यो कति हो?”
Yo kati ho?
Was kostet das?
Der Verkäufer antwortet schneller, als ich verstehe. Dann sieht er mein Gesicht. Und wiederholt es langsamer. Wir lachen beide.
Ein kurzes Gespräch. Zwei Sätze. Aber etwas hat sich verschoben.
Englisch schafft Abstand. Nepali schafft Nähe.
Hier im Dorf, in Pharping, grüßt man anders. Mein Nachbar sieht mich am Morgen und sagt:
“तपाईं सन्चो हुनुहुन्छ?”
Tapāī̃ sanchō hunuhunchha?
Sind Sie wohlauf?
Ich antworte zögernd:
“सन्चो छु।”
Sanchō chu.
Mir geht es gut.
Es sind einfache Worte. Aber sie öffnen eine Tür.
Der Roller tut etwas Ähnliches.
Er bringt mich zum kleinen Laden unten im Dorf. Zu Freunden. Zu Terminen. Zu Orten, die zu Fuß zu weit sind und für ein Taxi zu nah.
Der Roller führt mich in den Alltag.
Ich fahre morgens los. Die Luft ist kühl. Staub liegt auf der Straße. Hunde weichen träge aus. Ein Bus kommt entgegen. Zu schnell. Zu nah. Ich halte den Griff ruhig. Nicht fest. Nur ruhig.
Ich fahre weiter.
Vor drei Wochen wäre ich abgestiegen.
Manchmal frage ich mich, warum ich das tue.
Ich könnte in Deutschland sein. Lange schlafen. Vögel fotografieren. Mit Freunden Kaffee trinken. Warten, bis die Zeit vergeht.
Stattdessen bin ich hier. Lerne eine neue Schrift. Eine neue Sprache. Eine neue Bewegung der rechten Hand.
Alles gleichzeitig.
Alles langsam.
Alles unvollkommen.
Ich lerne nicht nur Nepali. Ich lerne, Anfänger zu sein.
Anfänger sein heißt: nicht wissen. Fragen müssen. Fehler machen.
Kinder fragen mich etwas. Ich verstehe sie nicht.
Der Nachbar erklärt mir ein Wort. Ich vergesse es wieder.
Der Roller kippt im Stand. Zu langsam. Zu zögerlich.
Ich richte ihn wieder auf.
Sprache lässt mich dazugehören.
Der Roller auch.
Beides verändert meinen Platz in dieser Welt. Nicht plötzlich. Nicht vollständig. Aber spürbar.
Ich bin nicht mehr nur Besucher.
Ich werde Teil des täglichen Lebens.
Ein wenig mehr jeden Tag.
Ich hätte auch bleiben können, wo alles vertraut ist. Wo ich weiß, wie Dinge funktionieren.
Hier weiß ich es nicht.
Genau deshalb bin ich hier.
Nicht weil ich muss.
Sondern weil ich noch lernen kann.
Nicht schneller. Nicht besser.
Nur weiter.
Morgen werde ich meinen Nachbarn fragen:
“तपाईं सन्चो हुनुहुन्छ?”
Tapāī̃ sanchō hunuhunchha?
Sind Sie wohlauf?
Und ich werde seine Antwort vielleicht verstehen.
Oder auch nicht.
Ich werde trotzdem weiterfragen.
English version below
At 69, Nepali. And a Scooter.
The bruise on my right leg is from Tuesday. The one on my left arm from Friday. The third one I can no longer place.
They come from my motor scooter.
Two months ago, I could not even start it. Today I ride every day. Not well. Not safely. But I ride.
The difference from a bicycle is small and decisive. On a bicycle, the legs control the speed. On a scooter, it is the right hand.
And that hand wants to hold on when things feel uncertain. Holding on means accelerating. Exactly what must not happen.
My body is 69 years old. My right hand is a beginner.
I am also learning Nepali. For three weeks now.
क, ख, ग
My hand knows these signs now. It writes them slowly. But it writes them.
Nepal has around 30 million inhabitants. More than 120 languages are spoken here. Nepali is the shared language. Almost everyone speaks it. As a first or second language. Around 30 million people in total.
I am not learning something exotic. I am learning what carries everyday life.
Yesterday at the market.
I say:
“यो कति हो?”
Yo kati ho?
How much is this?
The seller answers faster than I understand. Then he sees my face. He repeats it more slowly. We both laugh.
A short exchange. Two sentences. But something has shifted.
English creates distance. Nepali creates closeness.
Here in the village, in Pharping, people greet each other differently. My neighbor sees me in the morning and says:
“तपाईं सन्चो हुनुहुन्छ?”
Tapāī̃ sanchō hunuhunchha?
Are you well?
I answer, hesitantly:
“सन्चो छु।”
Sanchō chu.
I am well.
They are simple words. But they open a door.
The scooter does something similar.
It takes me to the small shop down the hill. To friends. To appointments. To places too far to walk and too near for a taxi.
The scooter brings me into everyday life.
I set off in the morning. The air is cool. Dust lies on the road. Dogs move aside lazily. A bus approaches. Too fast. Too close. I keep my hand steady. Not tight. Just steady.
I keep riding.
Three weeks ago, I would have stopped.
Sometimes I ask myself why I do this.
I could be in Germany. Sleeping late. Photographing birds. Drinking coffee with friends. Waiting for time to pass.
Instead, I am here. Learning a new script. A new language. A new movement of my right hand.
All at once.
All slowly.
All imperfect.
I am not only learning Nepali. I am learning to be a beginner.
Being a beginner means not knowing. Having to ask. Making mistakes.
Children ask me something. I do not understand.
A neighbor explains a word. I forget it again.
The scooter tilts at a standstill. Too slow. Too hesitant.
I lift it up again.
Language lets me belong.
The scooter too.
Both are changing my place in the world. Not suddenly. Not completely. But noticeably.
I am no longer only a visitor.
I am becoming part of daily life.
A little more each day.
I could have stayed where everything is familiar. Where I know how things work.
Here, I do not know.
That is exactly why I am here.
Not because I must.
But because I can still learn.
Not faster. Not better.
Just further.
Tomorrow I will ask my neighbor:
“तपाईं सन्चो हुनुहुन्छ?”
Tapāī̃ sanchō hunuhunchha?
Are you well?
And perhaps I will understand his answer.
Or perhaps not.
I will keep asking anyway.