Die Macht der Geschichten über uns selbst
Vergangenen Montag stellte mein Kardiologe die Medikation um. Bereits am nächsten Tag wurden die Schmerzen spürbar geringer. Seitdem kehrt meine Energie zurück. Ich denke wieder an lange Fahrradtouren, an Reisen und an neue Projekte.
Das kam überraschend. Noch wenige Tage zuvor hatte ich begonnen zu glauben, dass nun wohl das Alter zuschlägt.
Zu diesem Glauben hatte auch mein Umfeld beigetragen. Menschen, die es gut mit mir meinen, hatten mir immer wieder gespiegelt, ich sei älter und schwächer geworden. Irgendwann übernahm ich diese Sicht. Die Gelenke schmerzten tatsächlich. Ich war schneller müde. Die Geschichte passte zu den Fakten.
Bis die Fakten sich änderten.
Plötzlich stellte sich eine andere Frage: War ich wirklich schwächer geworden? Oder hatte ich begonnen, eine Geschichte über mich selbst zu glauben?
Je älter ich werde, desto mehr fasziniert mich die Macht solcher Geschichten. Wir Menschen können ohne Kategorien nicht leben. Unser Gehirn sortiert die Welt ununterbrochen. Es unterscheidet zwischen Freund und Fremdem, Hund und Katze, Kind und Erwachsenem. Ohne solche Schubladen wären wir hoffnungslos überfordert. Das Problem sind nicht die Schubladen. Das Problem beginnt, wenn wir vergessen, dass es Schubladen sind.
Dann wird aus einer Beobachtung eine Eigenschaft. Aus einer Eigenschaft eine Identität. Aus einer Identität ein Schicksal.
Ich kenne diesen Mechanismus aus meiner eigenen Biografie. Die ersten Jahre meines Lebens verbrachte ich in einem von Franziskanerinnen geführten Waisenhaus. Später erfuhr ich, dass ich ein uneheliches Kind war. Heute zuckt darüber kaum jemand mit den Schultern. In den fünfziger Jahren war das anders. Damals existierten klare Vorstellungen darüber, welchen Platz ein uneheliches Kind in der Gesellschaft einnahm.
Die eigentliche Gefahr solcher Vorstellungen liegt nicht darin, dass andere sie haben. Die Gefahr beginnt dort, wo wir sie selbst übernehmen.
In Nepal begegne ich demselben Muster immer wieder. Dalits gehören zu den historisch benachteiligten Gruppen des Kastensystems. Viele wachsen mit Botschaften auf, die ihnen ihre Grenzen erklären. Nicht immer laut. Nicht immer offen. Aber wirksam. Menschen wie ihr gehören nicht ganz dazu. Euch traut man kein Studium zu. Für euch sind bestimmte Berufe nicht vorgesehen.
Solche Geschichten beschreiben keine Wirklichkeit. Sie erzeugen Wirklichkeit.
Psychologen sprechen von verinnerlichten Vorurteilen oder Selbst-Stereotypen. Der Kern ist simpel: Menschen verhalten sich oft nach den Erwartungen, die sie an sich selbst richten. Wer sein Leben lang hört, er sei zu dumm, zu arm, zu alt oder nicht gut genug, muss erhebliche Kraft aufbringen, um das Gegenteil zu beweisen.
Besonders spannend finde ich die Forschung der Alterspsychologin Becca Levy. Sie zeigte, dass Altersbilder nicht nur unsere Stimmung beeinflussen. Sie wirken sich auf Gedächtnisleistungen, Gesundheit und sogar die Lebenserwartung aus. Menschen mit positiven Vorstellungen vom Alter leben im Durchschnitt mehrere Jahre länger als Menschen, die Alter vor allem mit Verfall verbinden.
Levy formulierte daraus eine einfache These: Wir altern nicht nur biologisch. Wir altern auch in den Geschichten, die unsere Kultur über das Alter erzählt.
Vielleicht wurde mir das erst durch Nepal bewusst. In Deutschland begegnet mir häufig die Vorstellung, dass Alter vor allem Verlust bedeutet: weniger Kraft, weniger Bedeutung, weniger Zukunft. In Nepal erlebe ich oft eine andere Haltung. Ältere Menschen bleiben Teil der Familie. Ihre Erfahrung zählt. Ihre Geschichte zählt.
Natürlich gibt es auch dort Krankheit, Demenz und Tod. Niemand entkommt der Biologie. Aber die kulturelle Erzählung ist eine andere.
Vielleicht fühlte ich mich deshalb in Nepal oft weniger alt als in Deutschland. Mein Pass war derselbe. Mein Körper war derselbe. Nur die Geschichte über das Alter hatte sich verändert.
Vorurteile wirken allerdings nicht nur nach innen. Sie wirken auch nach außen.
Während der Anschläge vom 11. September 2001 strandete ich mit Tausenden anderen Reisenden in Gander auf Neufundland. Wir schliefen in Turnhallen und Notunterkünften. Unter den Gestrandeten waren viele Inder. Was mir damals besonders auffiel, waren einige Männer, die nachts laut telefonierten.
Ich war müde. Ich war genervt. Und mein Gehirn tat das, was Gehirne gerne tun: Es verallgemeinerte.
Aus einigen Menschen wurden „die Inder“.
Heute erscheint mir das ziemlich absurd. Damals erschien es mir vollkommen logisch.
Jahre später arbeitete ich in den USA eng mit einer indischen Kollegin zusammen. Aus Zusammenarbeit wurde Vertrauen. Aus Vertrauen wurde Freundschaft. Und plötzlich zerfiel mein ganzes Bild.
Nicht weil mir jemand erklärt hätte, dass mein Vorurteil falsch war.
Sondern weil ich einen Menschen kennengelernt hatte.
Die Sozialpsychologie kennt diesen Effekt seit Jahrzehnten. Vorurteile werden selten durch Debatten abgebaut. Sie verschwinden durch Begegnungen. Aus „den Indern“ wurde eine Freundin. Aus einer Kategorie wurde ein Gesicht. Aus einer Vorstellung wurde eine Beziehung.
Ohne diese Freundschaft hätte ich Indien vielleicht nie mit anderen Augen gesehen. Vielleicht wäre nie die Neugier entstanden, Nepal zu besuchen. Vielleicht hätte ich nie die Menschen kennengelernt, die mein Leben heute bereichern.
Manchmal verändert eine einzige Begegnung die Richtung eines ganzen Lebens.
Was bleibt also?
Vorurteile über andere und Vorurteile über uns selbst haben denselben Ursprung. Beides sind Geschichten. Geschichten über andere Menschen. Geschichten über uns selbst.
Wir werden niemals ohne solche Geschichten leben können. Genauso wenig wie ohne Kategorien. Wer etwas anderes behauptet, sollte einmal versuchen, einen Supermarkt ohne Kategorien zu betreten. Er wird lange nach der Butter suchen.
Entscheidend ist etwas anderes: Kategorien sind nützlich. Sie sind Landkarten. Aber sie sind nicht die Landschaft.
Die Wirklichkeit ist größer als unsere Kategorien. Größer als unsere Vorurteile. Größer als unsere Selbstbilder.
Und vielleicht besteht ein wesentlicher Teil persönlicher Entwicklung darin, die eigene Landkarte immer wieder neu zu zeichnen.
Manchmal braucht es dafür eine Freundschaft.
Manchmal eine Reise.
Und manchmal reicht schon eine neue Tablette.
English version below
The Power of the Stories We Tell Ourselves
Last Monday, my cardiologist changed my medication. The very next day, the pain began to ease noticeably. Since then, my energy has been returning. I find myself thinking again about long cycling tours, future journeys, and new projects.
The change caught me by surprise. Only a few days earlier, I had started to believe that old age was finally catching up with me.
The people around me had contributed to that belief. Well-meaning friends and family members kept telling me that I seemed older and weaker than before. Eventually, I adopted their view. My joints really did hurt. I tired more quickly. The story seemed to fit the facts.
Until the facts changed.
Suddenly, a different question emerged: Had I really become weaker? Or had I simply started believing a story about myself?
The older I get, the more fascinated I become by the power of such stories. Human beings cannot live without categories. Our brains constantly sort the world. Friend or stranger. Dog or cat. Child or adult. Without such mental shortcuts, we would be overwhelmed. The problem is not the categories. The problem begins when we forget that they are categories.
Then an observation becomes a trait. A trait becomes an identity. An identity becomes a destiny.
I know this mechanism from my own life. I spent the first years of my childhood in an orphanage run by Franciscan nuns. Later I learned that I had been born out of wedlock. Today, few people would care. In the 1950s, it was different. Society had very clear ideas about the place an “illegitimate” child was supposed to occupy.
The real danger of such ideas is not that other people hold them. The danger begins when we adopt them ourselves.
In Nepal, I encounter the same pattern again and again. Dalits belong to groups that have historically been disadvantaged by the caste system. Many grow up surrounded by messages that define their limits. Not always openly. Not always loudly. But effectively. People like you do not quite belong. People like you are not expected to go to university. Certain professions are not meant for people like you.
Stories like these do not merely describe reality. They create reality.
Psychologists speak of internalized prejudice or self-stereotyping. The principle is simple: people often behave according to the expectations they hold about themselves. Anyone who spends a lifetime hearing that they are too poor, too old, too uneducated, or simply not good enough must invest tremendous energy to prove otherwise.
I find the work of aging researcher Becca Levy particularly fascinating. Her studies show that beliefs about aging influence far more than our mood. They affect memory, health, and even life expectancy. People with positive views of aging live, on average, several years longer than those who associate aging mainly with decline.
Levy drew a simple conclusion: We do not age only biologically. We also age through the stories our culture tells about growing older.
Perhaps Nepal made me aware of this. In Germany, I often encounter the idea that aging primarily means loss: less strength, less relevance, less future. In Nepal, I often experience a different attitude. Older people remain part of the family. Their experience matters. Their life stories matter.
Of course, Nepal has illness, dementia, and death as well. Nobody escapes biology. Yet the cultural narrative is different.
Perhaps that is why I often felt less old in Nepal than in Germany. My passport was the same. My body was the same. Only the story about aging had changed.
Prejudice, however, does not only work inwardly. It also works outwardly.
During the events of September 11, 2001, I was among the thousands of travelers stranded in Gander, Newfoundland. We slept in school gyms and emergency shelters. Many of the stranded passengers were Indian. What stood out to me at the time were a few men who spent the night talking loudly on the phone.
I was tired. I was irritated. And my brain did what brains are good at doing: it generalized.
A few individuals became “the Indians.”
Today, that seems rather absurd. At the time, it felt completely logical.
Years later, I worked closely with an Indian colleague in the United States. Cooperation became trust. Trust became friendship. And suddenly, my entire picture collapsed.
Not because someone explained that my prejudice was wrong.
But because I got to know a person.
Social psychology has documented this effect for decades. Prejudice is rarely dismantled through debate. It disappears through contact. “The Indians” became a friend. A category became a face. An assumption became a relationship.
Without that friendship, I might never have looked at India differently. I might never have become curious about Nepal. I might never have met the people who enrich my life today.
Sometimes a single encounter changes the direction of an entire life.
So what remains?
Prejudices about others and prejudices about ourselves share the same origin. Both are stories. Stories about other people. Stories about ourselves.
We will never live without such stories. Just as we will never live without categories. Anyone who doubts this should try entering a supermarket without categories. They will spend a very long time looking for the butter.
The crucial point is this: categories are useful. They are maps. But they are not the territory.
Reality is larger than our categories. Larger than our prejudices. Larger than our self-images.
And perhaps a significant part of personal growth lies in redrawing our maps again and again.
Sometimes all it takes is a friendship.
Sometimes a journey.
And sometimes, a new pill is enough.