Welche Bilder würden Munch und Lassnig aus meinem Leben malen?
Heute fahre ich nach Hamburg. In der Kunsthalle treffen zwei Künstler aufeinander, die sich nie begegnet sind: Edvard Munch, geboren 1863 in Norwegen, und Maria Lassnig, geboren 1919 in Kärnten. Beide wollten nicht das Sichtbare malen. Sie wollten das Erlebte eines Menschen festhalten. Deshalb frage ich mich auf der Fahrt nach Hamburg: Welche Bilder würden sie aus meinem Leben der letzten Monate schaffen?
Vor einer Woche stand ich an der Meldorfer Bucht. Der Wind wehte von Westen. Vor mir lag das Watt, hinter mir die Salzwiesen. In der Ferne rief ein Austernfischer. An diesem Nachmittag nahm ich meine Leica SL3 und das Sigma 500 mm mit an die Nordsee. Ich wartete auf Vögel. Mehr tat ich nicht. Ich wartete. Und irgendwann bemerkte ich etwas Merkwürdiges: Die Unruhe war verschwunden.
Monatelang hatte ich in Nepal kaum fotografiert, obwohl die Landschaft spektakulär war: die Himalaya-Gipfel, die Tempel, die Gassen von Kathmandu. Trotzdem blieb die Kamera oft in der Tasche. Erst an der Nordsee verstand ich warum. Wer überlebt, fotografiert nicht. Wer erlebt, fotografiert. In Nepal kreisten meine Gedanken um Menschen, Beziehungen, Verantwortung, Zukunftspläne und die Frage, ob ich bleiben oder zurückkehren sollte. An der Meldorfer Bucht kreisten sie plötzlich um einen Säbelschnäbler im Gegenlicht. Das ist ein großer Unterschied.
Maria Lassnig hätte womöglich nicht den Vogel gemalt. Sie hätte meinen Brustkorb gemalt. Weiter als noch vor wenigen Wochen. Leichter. Durchlässiger. Sie hätte den Augenblick gemalt, in dem ein Mensch vom Überlebensmodus zurück in den Erlebensmodus findet.

ChatGPT hat sich „überlegt“, welches Bild Maria Lassnig passend zu diesem Essay gemalt hätte.
Vor drei Monaten saß ich in Budhanilkanth am Rand von Kathmandu. Ein Teebecher stand zwischen uns. Die Berge lagen hinter einer Wand aus Dunst. Wir sprachen über Zukunft, Ausbildung, Visa, Verantwortung und Freiheit. Je länger ich in Nepal bin, desto weniger interessieren mich die üblichen Kategorien: Freundschaft, Partnerschaft, Familie. Das Leben hält sich selten an solche Schubladen. Mich beschäftigt inzwischen eine andere Frage: Wo gehöre ich hin? Nicht als Tourist. Nicht als Wohltäter. Nicht als Sponsor. Sondern als Mensch.
Munch hätte vermutlich nicht den Teebecher gemalt. Er hätte die Spannung gemalt: die Hoffnung, die Angst vor Enttäuschung, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Jene Mischung aus Nähe und Unsicherheit, die viele seiner Bilder durchzieht. Gut möglich, dass er sogar zwei Figuren gemalt hätte, die nebeneinander sitzen und in unterschiedliche Richtungen schauen. Nicht weil sie getrennt sind. Sondern weil Zukunft immer in verschiedene Richtungen zieht.
Im November operierten Ärzte meine linke Halsschlagader. Vor wenigen Monaten folgten zwei Stents und eine weitere Gefäßerweiterung. Seit Montag bin ich wieder in Deutschland. Nicht für Urlaub. Für Untersuchungen. Mit Ende sechzig verändert sich die Perspektive. Früher fragte ich mich, was ich noch alles erreichen könnte. Heute frage ich mich häufiger, wie ich die verbleibende Zeit verbringen möchte. Die Frage ist nicht kleiner geworden. Sie ist größer geworden.
Maria Lassnig hätte aus dieser Geschichte vermutlich kein Krankenhausbild gemacht. Sie hätte den Körper gemalt, der seine Verletzlichkeit entdeckt. Den Körper, der morgens dankbar ist, weil er aufgewacht ist. Den Körper, der plötzlich keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Vergänglichkeit ist kein Gedanke. Vergänglichkeit ist ein Körpergefühl.
Dann ist da noch die Arbeit. Eigentlich dürfte ich längst im Ruhestand sein. Stattdessen diskutiere ich mit Entwicklern in Indien über künstliche Intelligenz. Ich teste Software. Ich schreibe Codex-Prompts. Ich denke über Vertriebsprozesse nach. Und lerne Dinge, die es vor drei Jahren noch gar nicht gab. Von außen sieht das nach Arbeit aus. Von innen fühlt es sich nach Neugier an. Womöglich ist das der größte Luxus meines Lebens: nicht Zeit zu haben, sondern Interesse.
Munch hätte darin vermutlich den Trotz gesehen. Lassnig die Lebendigkeit. Heute werde ich ihre Bilder betrachten. Doch eigentlich interessieren mich nicht ihre Antworten. Mich interessieren ihre Fragen. Was bestimmt unser Leben wirklich: unsere Erinnerungen, unsere Beziehungen, unsere Ängste – oder die Art, wie sich unser Leben im eigenen Körper anfühlt? Womöglich verlasse ich die Ausstellung mit Antworten. Womöglich nur mit neuen Fragen. Beides wäre ein guter Ausgang.
Dieses Bild entstand mit Hilfe von ChatGPT. Es ist der Versuch einer künstlichen Intelligenz, sich vorzustellen, wie Edvard Munch die Erfahrungen, Fragen und Spannungen meines Lebens der vergangenen Monate vielleicht gemalt hätte. Ob Munch tatsächlich zu einem ähnlichen Bild gefunden hätte, bleibt offen. Gerade diese Unsicherheit macht den Reiz des Experiments aus.
English version below
What Would Munch and Lassnig Paint from My Life?
Today I am driving to Hamburg. At the Kunsthalle, two artists meet who never met in life: Edvard Munch, born in Norway in 1863, and Maria Lassnig, born in Carinthia in 1919. Neither of them wanted to paint what was merely visible. They wanted to capture what a human being experiences. That is why, on my way to Hamburg, I find myself wondering: What images would they create from the past months of my life?
A week ago, I stood at Meldorf Bay. The wind was blowing from the west. The tidal flats stretched out before me, the salt marshes behind me. Somewhere in the distance, an oystercatcher called. That afternoon I brought my Leica SL3 and my Sigma 500 mm lens to the North Sea. I waited for birds. That was all. I waited. And at some point I noticed something strange: The restlessness had disappeared.
For months in Nepal, I had hardly taken any photographs, although the scenery was spectacular: the Himalayan peaks, the temples, the alleys of Kathmandu. Yet the camera often remained in my bag. Only at the North Sea did I understand why. When you are surviving, you do not photograph. When you are truly living, you do. In Nepal, my thoughts revolved around people, relationships, responsibilities, future plans, and the question of whether I should stay or return. At Meldorf Bay, they suddenly revolved around an avocet standing in backlight. That is a profound difference.
Maria Lassnig would likely not have painted the bird. She would have painted my chest. More open than it had been weeks before. Lighter. More permeable. She would have painted the moment when a person moves from survival mode back into experience.
Three months ago, I was sitting in Budhanilkantha on the edge of Kathmandu. A cup of tea stood between us. The mountains were hidden behind a wall of haze. We talked about the future, education, visas, responsibility, and freedom. The longer I stay in Nepal, the less interested I become in the usual categories: friendship, partnership, family. Life rarely fits into neat compartments. Another question occupies me now: Where do I belong? Not as a tourist. Not as a benefactor. Not as a sponsor. But as a human being.
Munch probably would not have painted the teacup. He would have painted the tension: the hope, the fear of disappointment, the longing to belong. That mixture of closeness and uncertainty that runs through so many of his works. He might even have painted two figures sitting side by side, looking in different directions. Not because they are separated. But because the future always pulls in different directions.
In November, surgeons operated on my left carotid artery. A few months ago, two stents and another vascular procedure followed. Since Monday, I have been back in Germany. Not for a holiday. For medical examinations. By the time you reach your late sixties, perspective changes. In the past, I wondered what else I might achieve. Today, I more often ask how I want to spend the time that remains. The question has not become smaller. It has become larger.
Maria Lassnig probably would not have painted a hospital scene. She would have painted a body discovering its own vulnerability. A body grateful each morning simply because it has awakened. A body that is no longer something to be taken for granted. Mortality is not a thought. Mortality is a bodily sensation.
And then there is work. By now, I should have been comfortably retired. Instead, I discuss artificial intelligence with software developers in India. I test software. I write Codex prompts. I think about sales processes. And I learn things that did not even exist three years ago. From the outside, it looks like work. From the inside, it feels like curiosity. Perhaps that is the greatest luxury of my life: not having time, but having interest.
Munch would probably have seen defiance in that. Lassnig, vitality. Today I will look at their paintings. But what interests me are not their answers. What interests me are their questions. What truly shapes our lives: our memories, our relationships, our fears — or the way life feels inside our own bodies? I may leave the exhibition with answers. Or only with new questions. Either would be a good outcome.
This image was created with the help of ChatGPT. It is not a work by Edvard Munch, but a contemporary AI interpretation of how Munch might have portrayed the experiences, questions, and tensions that have shaped my life over the past months. Whether Munch himself would have arrived at a similar image remains an open question. That uncertainty is part of what makes this experiment so fascinating.