Mir fehlen die Suchenden
Vor zwei Jahren saß ich mit Hishsi auf den Klippen von Turtle Beach auf Zypern. Die Sonne stand tief über dem Meer. Zwischen uns lagen eine Kamera, zwei Rucksäcke und eine Flasche Wasser.
Wir sprachen über die Zukunft. Über Bildung. Über Freiheit. Über die Frage, wie ein Mensch sein Leben ändern kann. Damals hielt ich dieses Gespräch für eines von vielen guten Gesprächen. Heute glaube ich, dass dort etwas anderes geschah. Es war eine Begegnung zwischen zwei Suchenden.
Lange Zeit wusste ich nicht, dass es solche Menschen überhaupt gibt. Und noch weniger wusste ich, dass ich selbst einer von ihnen bin.
Als ich vor einigen Jahren in den Ruhestand ging, dachte ich, mir würde die Arbeit fehlen. Vierzig Jahre lang hatte ich als Unternehmer gearbeitet. Danach leitete ich neun Jahre eine Schule. Wer jemals eine Schule geleitet hat, weiß: Der Wahnsinn gehört zur Stellenbeschreibung. Jeden Tag begegnete ich Menschen mit Ideen, Problemen und Hoffnungen. Menschen, die etwas verändern wollten. Oder wenigstens den Stundenplan.
Dann kam der Ruhestand. Plötzlich wurde es still. Sehr still. Zu still. Der Postbote kam weiterhin vorbei. Ein freundlicher Mensch. Zuverlässig. Pünktlich. Aber philosophisch eher zurückhaltend.
Ich begann zu reisen. Ich schrieb. Ich fotografierte. Ich traf Freunde. Und dennoch hatte ich das Gefühl, dass etwas fehlte. Heute glaube ich zu wissen, was es war. Mir fehlten die Suchenden.
Im Laufe meines Lebens habe ich den Eindruck gewonnen, dass es grob zwei Arten von Menschen gibt. Die einen suchen Sicherheit. Die anderen suchen Möglichkeiten. Die einen bauen Häuser. Die anderen kaufen Landkarten. Die einen mögen Regeln. Die anderen fragen, weshalb diese Regeln überhaupt existieren. Die einen finden früh ihren Platz. Die anderen bezweifeln selbst mit siebzig noch, ob sie am richtigen Ort stehen.
Beide Gruppen braucht die Welt. Ohne die einen würde vieles auseinanderfallen. Ohne die anderen würde vieles niemals entstehen. Das Interessante ist: Diese beiden Typen fühlen sich oft voneinander angezogen. Der Suchende bewundert die Ruhe des Sesshaften. Der Sesshafte bewundert den Mut des Suchenden. Jeder sieht im anderen etwas, das ihm selbst fehlt. So entstehen Freundschaften, Ehen, Partnerschaften. Manchmal halten sie ein Leben lang.
Ich glaube, auch mein eigenes Leben war lange von dieser Spannung geprägt. Ich bewundere Menschen, die wissen, wo sie hingehören. Menschen, die nicht jeden Dienstagmorgen beschließen, ihr Leben neu zu erfinden. Menschen, die Verantwortung übernehmen und bleiben, wenn es schwierig wird. Gleichzeitig merke ich, dass ich selbst anders bin. Mich haben Fragen schon immer stärker angezogen als Antworten.
Vielleicht begann das in meiner Kindheit. Vielleicht später. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich mein Leben lang auf Menschen reagiert habe, die auf der Suche waren. Auf Menschen, die aufbrechen. Auf Menschen, die bereit sind, Gewissheiten hinter sich zu lassen. Auf Menschen, die lieber scheitern als stehenbleiben.
Das Problem an Suchenden ist allerdings: Sie sind anstrengend. Ich weiß das. Ich bin selbst einer. Kaum haben wir eine Antwort gefunden, stellen wir die nächste Frage. Kaum haben wir ein Ziel erreicht, interessiert uns der Weg dahinter. Kaum ist eine Tür geöffnet, schauen wir neugierig, ob sich hinter der nächsten vielleicht noch etwas Spannenderes verbirgt.
Für unsere Mitmenschen ist das nicht immer leicht. Für uns übrigens auch nicht. Denn Suchende sehnen sich oft nach genau dem, was ihnen fehlt. Nach Ruhe. Nach Beständigkeit. Nach Menschen, die nicht ständig unterwegs sind. Vielleicht deshalb faszinieren uns jene, die einen festen Platz in der Welt gefunden haben. Und vielleicht faszinieren diese Menschen wiederum jene, die bereit sind, aufzubrechen.
Je älter ich werde, desto weniger glaube ich daran, dass eine der beiden Gruppen recht hat. Es sind keine Charakterfehler. Es sind keine Ideologien. Es sind unterschiedliche Arten, Mensch zu sein. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: Wo gehöre ich hin? Lange hielt ich diese Frage für die wichtigste meines Lebens. Heute würde ich anders fragen: Mit wem teile ich ein Stück meines Weges?
Denn vielleicht suchen Menschen wie ich gar keine Heimat. Vielleicht suchen wir Weggefährten. Menschen, die bereit sind, gemeinsam Fragen zu stellen. Menschen, die neugierig bleiben. Menschen, die staunen können. Menschen, die den Mut haben, sich zu verändern.
Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, denke ich nicht zuerst an Orte. Nicht an Deutschland. Nicht an Malta. Nicht an Nepal. Ich denke an Gespräche. An Menschen. An gemeinsame Fragen. An Momente, in denen zwei Menschen plötzlich merken, dass sie dieselbe Unruhe teilen.
Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis meines Ruhestands. Nicht Arbeit fehlt mir. Nicht Beschäftigung. Nicht einmal Abenteuer. Mir fehlen die Suchenden. Und deshalb suche ich sie heute bewusster als früher. In Gesprächen. In Büchern. Auf Reisen. Bei Freunden. Und manchmal auf einer Klippe über dem Meer, während die Sonne langsam untergeht und zwei Menschen über die Zukunft sprechen.
Vielleicht besteht ein gutes Leben am Ende nicht darin, Antworten zu finden. Vielleicht besteht es darin, Menschen zu finden, die bereit sind, dieselben Fragen zu stellen.

Nachtrag
Als Hishsi und ich damals auf den Klippen von Turtle Beach saßen, sprach sie von ihrem Wunsch, zu studieren. Sie möchte später mit Kindern arbeiten. Wer sieht, wie Kinder auf sie reagieren und wie sie mit ihnen umgeht, versteht sofort, warum.
Damals schien dieser Wunsch fast unerreichbar. Vor Jahren zerriss man ihre Schulzeugnisse vor ihren Augen. Ein Beamter erkannte ihre Identität als Dalit nicht an. Ein nepalesischer Schulleiter, den wir von Zypern aus um Rat fragten, erklärte, sie müsse ihre Schulzeit ab der achten Klasse wiederholen. Mit Anfang dreißig, vielleicht mit 33 oder 34 Jahren, könne sie dann die Hochschulreife erreichen.
Ende 2024 bat Hishsi mich, mit ihr nach Nepal zurückzukehren und ihr zu helfen, ihre Bildungsbiografie wieder sichtbar zu machen. Also suchten wir nach Dokumenten, Zeugnissen, Behörden und Antworten.
Wir fanden ihre alten Zeugnisse. Sie erhielt eine offizielle Bescheinigung, die ihre beiden Vornamen derselben Person zuordnete. Und heute, im Sommer 2026, veröffentlichte man das Ergebnis ihrer Hochschulreife.
Durchschnittsnote: 3,41 von maximal 4 Punkten.
Vier Jahre ihres Lebens hat sie dadurch gewonnen.
Nicht durch Glück.
Nicht durch Beziehungen.
Nicht durch Privilegien.
Sondern durch Beharrlichkeit.
Durch ihren Willen, sich nicht mit Ungerechtigkeit abzufinden. Erst recht nicht mit jener Form von Ungerechtigkeit, die viele Dalits in Nepal bis heute erfahren.
Vielleicht denke ich deshalb so oft an Suchende.
Weil sie nicht einfach akzeptieren, was ist.
Weil sie fragen, warum etwas so ist.
Und weil sie manchmal den Mut haben, es zu verändern.
Heute bin ich einfach nur glücklich. Für Hishsi. Und für das junge Mädchen, das sich weigerte, eine zerrissene Zukunft als ihr Schicksal zu akzeptieren.
English version below
I Miss the Seekers
Two years ago, I was sitting with Hishsi on the cliffs above Turtle Beach in Cyprus. The sun was low over the sea. Between us lay a camera, two backpacks, and a bottle of water.
We talked about the future. About education. About freedom. About how a person can change the course of their life. At the time, I thought it was simply one of many good conversations. Today, I believe something else happened that evening. It was a meeting between two seekers.
For a long time, I did not even know such people existed. And I certainly did not realize that I was one of them.
When I retired a few years ago, I thought I would miss my work. For forty years I had worked as an entrepreneur. After that, I spent nine years running a school. Anyone who has ever led a school knows that a certain degree of madness comes with the job description. Every day I met people with ideas, problems, and hopes. People who wanted to change something. Or at least improve the timetable.
Then retirement arrived. Suddenly, life became quiet. Very quiet. Too quiet. The postman still came by. A friendly man. Reliable. Punctual. But not particularly interested in philosophical discussions.
I began to travel. I wrote. I took photographs. I met friends. Yet something still seemed to be missing. Today, I think I know what it was. I missed the seekers.
Over the course of my life, I have come to believe that there are roughly two kinds of people. Some seek security. Others seek possibilities. Some build houses. Others buy maps. Some like rules. Others ask why those rules exist in the first place. Some find their place in life early on. Others still wonder at seventy whether they are standing in the right spot.
The world needs both groups. Without one, much would fall apart. Without the other, much would never come into existence. What fascinates me is that these two types are often drawn to each other. The seeker admires the calmness of the settled person. The settled person admires the courage of the seeker. Each sees in the other something they themselves lack. This is how friendships, marriages, and partnerships begin. Sometimes they last a lifetime.
I believe my own life has long been shaped by this tension. I admire people who know where they belong. People who do not wake up every Tuesday morning and decide to reinvent their lives. People who stay, who take responsibility, who remain when things become difficult. At the same time, I know that I am different. Questions have always attracted me more than answers.
Perhaps it began in childhood. Perhaps later. I do not know. What I do know is that I have always been drawn to people who were searching. People willing to leave familiar ground behind. People ready to abandon certainty. People who would rather fail than stand still.
The problem with seekers, however, is that they can be exhausting. I know this because I am one of them. No sooner have we found an answer than we ask the next question. No sooner have we reached a destination than we become curious about what lies beyond it. No sooner does one door open than we start wondering what might be behind the next one.
This is not always easy for the people around us. To be honest, it is not always easy for us either. Seekers often long for exactly what they lack: peace, stability, and people who are not constantly on the move. Perhaps that is why we are fascinated by those who seem to have found a firm place in the world. And perhaps those people, in turn, are fascinated by those willing to set out into the unknown.
The older I get, the less I believe that either group is right. These are not character flaws. They are not ideologies. They are simply different ways of being human. Which is why the real question is not: Where do I belong? For many years I thought that was the most important question of my life. Today, I would ask a different one: With whom do I share a part of my journey?
Because perhaps people like me are not really looking for a home. Perhaps we are looking for fellow travellers. People willing to ask questions together. People who remain curious. People who can still be amazed. People who have the courage to change.
When I look back on the past few years, I do not think first of places. Not Germany. Not Malta. Not Nepal. I think of conversations. Of people. Of shared questions. Of those rare moments when two people suddenly realize that they carry the same restlessness within them.
Perhaps that is the real lesson of retirement. It is not work that I miss. Not activity. Not even adventure. I miss the seekers. And that is why I look for them more consciously now than I did before. In conversations. In books. On journeys. Among friends. And sometimes on a cliff above the sea, as the sun slowly sets and two people talk about the future.
In the end, perhaps a good life is not about finding answers. Perhaps it is about finding people who are willing to ask the same questions.
Postscript
Back when Hishsi and I were sitting on the cliffs above Turtle Beach, she spoke about her dream of going to college. She wants to work with children one day. Anyone who has seen how children respond to her—and how naturally she connects with them—understands why.
At the time, that dream seemed almost impossible. Years earlier, her school certificates had been torn up in front of her. A government official refused to recognize her identity as a Dalit. A Nepalese school principal whom we consulted from Cyprus told us she would have to repeat her education starting from eighth grade. If all went well, she might qualify for higher education in her early thirties—perhaps at the age of 33 or 34.
At the end of 2024, Hishsi asked me to return to Nepal with her and help restore the missing pieces of her educational history. So we began searching—for documents, certificates, government records, and answers.
We found her old school records. She obtained an official document confirming that her two different first names belonged to the same person. And today, in the summer of 2026, the results of her higher secondary education were published.
Grade point average: 3.41 out of a maximum of 4.0.
In doing so, she gained four years of her life back.
Not through luck.
Not through connections.
Not through privilege.
But through persistence.
Through her refusal to accept injustice. Especially the kind of injustice that many Dalits in Nepal still face every single day.
Perhaps that is why I think so often about seekers.
Because they do not simply accept what is.
Because they ask why things are the way they are.
And because, sometimes, they have the courage to change them.
Today, I am simply happy. Happy for Hishsi. And happy for the young girl who refused to accept a torn-up future as her destiny.