Zwei Rückkehrer
Warum eine neue Universität in Nepal mehr ist als ein Bildungsprojekt
Es beginnt mit einem Anruf.
Arjun Karki meldet sich. 69 Jahre alt, Mediziner, Professor. Er habe einige meiner TikTok-Videos gesehen, sagt er. Kurze Erklärstücke zur nepalesischen Verfassung, veröffentlicht nach den gewalttätigen Ausschreitungen junger Menschen in Kathmandu. Ich hatte versucht, nicht laut zu werden. Nicht anzuklagen. Sondern zu erklären, was dieses Land zusammenhält – und was es gerade zu verlieren droht.
Dass dieser Mann mich nun an die University of Nepal einlädt, überrascht mich – und ist doch folgerichtig. Nepal ist für uns beide kein abstrakter Ort.
Ich kenne das Land seit 2011. Damals habe ich die Patenschaft für einen Teenager übernommen. Aus einer formalen Patenschaft wurde Nähe. Aus Nähe Verantwortung. Ich habe Schuljahre begleitet, Prüfungen, Zweifel, Hoffnungen. Ich habe gesehen, wie junge Menschen reifen – und wie sie gehen. Zu Tausenden verlassen sie Nepal. Auch meine Patentochter ging. Arbeit in Zypern. Perspektive im Ausland. Aus westlicher Sicht kann ich das verstehen. Mit dem Verstand.
Was nepalesische Gemeinschaft bedeutet – Familie, Verpflichtung, soziale Nähe, gegenseitige Abhängigkeit – lässt sich nicht in Sätze pressen. Das habe ich gelernt, indem ich blieb. Durch Präsenz. Durch Zeit.
Ich habe meiner Tochter versprochen: Wenn du eines Tages zurückgehst, bleibe ich an deiner Seite.
Mit diesem Versprechen im Rücken betrete ich den Campus der University of Nepal. Gegründet 2024. Noch im Aufbau. Kabel ragen aus den Wänden, Möbel sind provisorisch. Doch die Gespräche sind ernst. Arjun Karki spricht nicht von Visionen. Er spricht von Verantwortung. Von Verfahren. Vom Schutz vor Einfluss.
Um zu verstehen, warum diese Universität in Nepal eine Provokation ist, muss man den Normalfall kennen. Die meisten jungen Menschen studieren in einem stark verschulten System. Große staatliche Universitäten, allen voran die Tribhuvan University, mit Hunderten angegliederten Colleges. Frontalunterricht. Feste Curricula. Prüfungen, die vor allem Wiederholung belohnen. Wer studiert, legt sich früh fest: Management, Technik, Medizin. Bildung ist Mittel zum Zweck – oft zum Zweck des Weggehens.
Dieses System produziert Abschlüsse. Es produziert aber kaum Bindung. Schreiben, eigenständiges Denken, interdisziplinäre Arbeit spielen eine Nebenrolle. Bildung ist Aufstieg – selten Verantwortung.
Arjun Karki kennt dieses System von innen. Und er hat ihm bereits widersprochen. Mit der Patan Academy of Health Sciences gründete er eine medizinische Hochschule, die Ärztinnen und Ärzte nicht nur ausbildet, sondern verpflichtet. Auswahlverfahren, die soziale Herkunft berücksichtigen. Dienstjahre im ländlichen Raum. Transparente Berufungen mit externen Gutachten. Spenden ohne Mitspracherecht. Autonomie nicht als Dekoration, sondern als Bedingung.
Viele hielten das für naiv. Heute gilt die Patan Medical School als eine der wenigen Institutionen Nepals, die zeigt, dass Hochschulen gesellschaftliche Verantwortung tragen können – und dass Absolventinnen und Absolventen tatsächlich bleiben.
Mit dieser Erfahrung baut Karki nun die University of Nepal. Sie versteht sich nicht als Ergänzung zum bestehenden Hochschulsystem, sondern als Alternative. Ihr Fundament sind die freien Künste und Wissenschaften – ein alter Begriff, der aus den artes liberales stammt. Gemeint waren jene Wissensformen, die freie Bürger befähigen sollten zu urteilen, zu sprechen, Verantwortung zu übernehmen. Nicht Berufsbildung. Menschenbildung.
In Nepal ist dieser Ansatz radikal. Studierende legen sich nicht sofort fest. Sie beginnen mit Schreiben. Mit Denken. Mit Beobachten. Mit der Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Land. Erst später folgt die Spezialisierung. Erst Orientierung – dann Entscheidung.
Ein Satz fällt immer wieder: Gemeinschaft als Lehrplan. Studierende arbeiten in Gemeinden, Verwaltungen, Initiativen. Diese Arbeit ist prüfungsrelevant. Sie wird begleitet, ausgewertet, bewertet. Lernen findet draußen statt – und wird drinnen reflektiert.
Ich höre diesen Satz mit Waldorf-Ohren. Nicht, weil hier Waldorfpädagogik betrieben würde. Es gibt keine Anthroposophie, keine Epochen, keine künstlerische Menschenkunde. Und doch erkenne ich eine gemeinsame Tiefenstruktur: das Misstrauen gegen die Abkürzung.
Auch die Waldorfpädagogik entstand aus der Erfahrung, dass Entwicklung Zeit braucht. Dass der Mensch nicht zu früh festgelegt werden darf. Dass Bildung Beziehung ist – zur Welt, zu anderen, zu sich selbst. Diese Haltung trägt auch die University of Nepal, nun in einer staatlichen, akademischen Form.
Natürlich bleibt Skepsis. Idealismus allein trägt keine Universität. Die Finanzierung ist offen benannt: vierzig Prozent staatliche Mittel, dreißig Prozent Studiengebühren, der Rest aus Stipendien und Förderkreisen. Wer Waldorfschulen kennt, kennt dieses Spannungsfeld. Freiheit kostet. Und sie macht verletzlich.
Ich frage Arjun Karki, wie er verhindern will, dass diese Universität zur Insel für wenige wird. Er antwortet ruhig: „Wir müssen messen, nicht versprechen.“ Ob junge Menschen bleiben. Ob sie Verantwortung übernehmen. Ob Regionen profitieren. Nicht nach Broschüren, sondern nach Jahren.
Was mich hoffen lässt, ist nicht zuerst das Konzept. Es ist die Person.
Ein Mann, der hätte bleiben können – in den USA, in einer sicheren akademischen Laufbahn. Ein Mann, der zurückgekehrt ist, weil er sein Land ernst nimmt. Arjun Karki hat nicht gefragt, was Nepal ihm schuldet. Er hat gefragt, was er Nepal schuldet.
Und ich erkenne darin etwas von mir selbst. Auch ich hätte mich begnügen können, zu erklären, zu analysieren, zu kommentieren – aus sicherer Distanz. Stattdessen bin ich geblieben. Wegen einer jungen Frau, der ich vor Jahren meine Unterstützung zugesagt habe. Und weil man irgendwann merkt, dass Nähe verpflichtet.
Vor Kurzem sagte sie zu mir etwas, das mich innehalten ließ. Sie meinte, ich würde ja nicht nur ihr helfen. Sondern auch den Kindern, mit denen sie täglich arbeitet. Und deren Familien. Und den Kindern dieser Kinder.
Es war kein großes Wort. Aber ein weiter Gedanke.
Vielleicht liegt hier der Schlüssel. Bildung wirkt nicht linear. Sie lässt sich nicht auf einzelne Biografien verkürzen. Sie entfaltet sich in Ketten. Wer einen Menschen stärkt, stärkt die Beziehungen, in denen dieser Mensch steht. Wer eine Lehrerin befähigt, erreicht Klassen. Wer eine Universität auf Haltung gründet, prägt Generationen – langsam, unspektakulär, im Moment kaum messbar.
So verstanden sind weder Arjun Karki noch ich Einzelakteure. Wir stehen für eine hermeneutische Bewegung: vom Ich zum Wir, vom Heute zum Morgen, vom Einzelnen zum Gefüge. Verantwortung endet nicht bei der Person, der man unmittelbar hilft. Sie setzt sich fort – in Entscheidungen, in Weitergabe, in Vorbildern.
Vielleicht kann ein einzelner Mensch kein Bildungssystem verändern.
Aber er kann einen Ort schaffen, an dem Verantwortung weitergegeben wird.
Und manchmal ist genau das der Anfang von allem.
English version below
Two Returnees
Why a new university in Nepal is more than an educational project
It begins with a phone call.
Arjun Karki gets in touch. Sixty-nine years old. Physician. Professor. He says he has seen some of my TikTok videos—short explanations of Nepal’s constitution, published after violent youth riots in Kathmandu. I tried not to raise my voice. Not to accuse. But to explain what holds this country together—and what it is in danger of losing.
That this man now invites me to the University of Nepal surprises me—and yet feels entirely consistent. For both of us, Nepal is not an abstract place.
I have known the country since 2011. That was when I took on the sponsorship of a teenager. A formal arrangement turned into closeness. Closeness turned into responsibility. I accompanied school years, exams, doubts, hopes. I saw young people grow—and I saw them leave. By the thousands, they leave Nepal. My goddaughter left too. Work in Cyprus. Prospects abroad. From a Western perspective, I can understand this. Rationally.
What Nepali community really means—family, obligation, social closeness, mutual dependence—cannot be compressed into sentences. I learned this by staying. Through presence. Through time.
I promised my daughter: if you one day return to Nepal, I will remain at your side.
With that promise in mind, I step onto the campus of the University of Nepal. Founded in 2024. Still under construction. Cables protrude from the walls, furniture is provisional. Yet the conversations are serious. Arjun Karki does not speak of visions. He speaks of responsibility. Of procedures. Of protection from influence.
To understand why this university is a provocation in Nepal, one must first know the norm. Most young people study in a highly school-like system. Large state universities—above all Tribhuvan University—with hundreds of affiliated colleges. Lecture-based teaching. Fixed curricula. Exams that reward repetition above all else. Those who study specialize early: management, engineering, medicine. Education becomes a means to an end—often the end of leaving the country.
This system produces degrees. But it produces little sense of belonging. Writing, independent thinking, interdisciplinary work play a minor role. Education is upward mobility—rarely responsibility.
Arjun Karki knows this system from the inside. And he has already challenged it. With the Patan Academy of Health Sciences, he founded a medical school that does not merely train doctors, but obliges them. Admission processes that take social background into account. Mandatory service years in rural areas. Transparent faculty appointments with external reviewers. Donations without influence. Autonomy not as decoration, but as a condition.
Many considered this naïve. Today, the Patan Medical School is regarded as one of the few institutions in Nepal that demonstrates how universities can carry social responsibility—and that graduates actually stay.
With this experience, Karki is now building the University of Nepal. It does not see itself as an addition to the existing higher education system, but as an alternative. Its foundation lies in the liberal arts and sciences—an old concept rooted in the artes liberales. These were forms of knowledge meant to enable free citizens to judge, to speak, to take responsibility. Not vocational training. Human education.
In Nepal, this approach is radical. Students do not commit themselves immediately. They begin with writing. With thinking. With observing. With engaging their own country. Specialization comes later. First orientation—then decision.
One phrase recurs again and again: community as curriculum. Students work in municipalities, administrations, initiatives. This work is examinable. It is supervised, evaluated, assessed. Learning happens outside—and is reflected inside.
I hear this phrase with “Waldorf ears.” Not because Waldorf education is practiced here. There is no anthroposophy, no epochs, no artistic anthropology. And yet I recognize a shared deep structure: distrust of shortcuts.
Waldorf education, too, emerged from the insight that development needs time. That human beings should not be fixed too early. That education is relationship—with the world, with others, with oneself. This attitude also shapes the University of Nepal, now in a public, academic form.
Skepticism remains. Idealism alone does not sustain a university. The funding model is openly stated: forty percent public funding, thirty percent tuition fees, the remainder from scholarships and donor circles. Anyone familiar with Waldorf schools knows this tension. Freedom has a price. And it creates vulnerability.
I ask Arjun Karki how he intends to prevent this university from becoming an island for the few. He answers calmly: “We must measure, not promise.” Whether young people stay. Whether they assume responsibility. Whether regions benefit. Not in brochures—but over years.
What gives me hope is not the concept first and foremost. It is the person.
A man who could have stayed—in the United States, in a secure academic career. A man who returned because he takes his country seriously. Arjun Karki did not ask what Nepal owes him. He asked what he owes Nepal.
And in this, I recognize something of myself. I, too, could have been content to explain, analyze, comment—from a safe distance. Instead, I stayed. Because of a young woman to whom I promised support years ago. And because at some point one realizes that closeness creates obligation.
Recently, she said something to me that made me pause. She said that I was not only helping her—but also the children she works with every day. And their families. And their children’s children.
It was not a big statement. But it was a far-reaching thought.
Perhaps this is the key. Education does not work linearly. It cannot be reduced to individual biographies. It unfolds in chains. Whoever strengthens one person strengthens the relationships that person inhabits. Whoever empowers a teacher reaches classrooms. Whoever founds a university on values shapes generations—slowly, quietly, scarcely measurable in the moment.
Seen this way, neither Arjun Karki nor I are solitary actors. We stand for a hermeneutic movement: from I to we, from today to tomorrow, from the individual to the whole. Responsibility does not end with the person one helps directly. It continues—in decisions, in transmission, in example.
Perhaps a single person cannot change an entire education system.
But they can create a place where responsibility is passed on.
And sometimes, that is precisely how everything begins.