Der Raum zwischen ihren Worten und meinem Gedanken
Eine libanesische Freundin schickte mir ein Video ihrer Tochter. Es dauerte nur einunddreißig Sekunden.
Ihre Tochter sprach leise. Ihre Stimme klang schwer. Sie sagte, sie fühle sich gefangen in den Gedanken der Menschen um sie herum. In ihren Erwartungen. In ihren Urteilen. Sie sagte, sie wünsche sich Freiheit. Freiheit von diesen Gedanken. Freiheit, einfach sie selbst zu sein.
Einunddreißig Sekunden.
Und doch öffnete sich darin ein ganzes Leben.
Denn während ich zuhörte, bemerkte ich nicht nur ihre Worte. Ich bemerkte auch meine Gedanken über ihre Worte. Ich begann zu deuten. Zu verstehen. Zu fühlen.
Da wurde mir klar: Wir leben nicht nur in der äußeren Welt. Wir leben ebenso in der Welt unserer Gedanken.
Was geschieht, ist das eine.
Was wir daraus machen, ist das andere.
Wie fremde Gedanken in uns wirken
Ein Mensch sagt etwas über uns. Vielleicht beiläufig. Vielleicht ohne böse Absicht.
Doch in uns entsteht ein Gedanke. Und dieser Gedanke beginnt zu wirken. Er verbindet sich mit Erinnerungen. Mit alten Bildern. Mit Ängsten.
Plötzlich scheint das Urteil real.
Dabei ist es zunächst nur ein Satz. Entstanden im Bewusstsein eines anderen Menschen.
Zwischen seinem Satz und unserem Gedanken liegt ein Raum.
Und in diesem Raum liegt unsere Freiheit.
Die Küche und ein Satz aus einer anderen Zeit
Vor ein paar Tagen stand ich in der Küche und wusch Teller. Unser Vermieter trat in die Tür. Er sah mir einen Moment zu und sagte:
„Das ist nicht gut. Sie sollte das tun. Nicht Sie.“
Er meinte Hishsi.
Ich widersprach ihm ruhig.
Ich sagte: Das ist meine Entscheidung. Ich bin im Ruhestand. Ich habe Zeit. Ich will, dass sie arbeitet. Dass sie lernt. Dass sie unabhängig ist. Dass sie niemals von einem Mann abhängig sein muss.
Und ich sagte ihm noch etwas anderes: Ich habe Verantwortung übernommen. Nicht damit sie mir gehört. Sondern damit sie frei sein kann.
Er hörte zu. Er antwortete nicht.
Das Gespräch war beendet.
Was ich Hishsi danach sagte
Am Abend erzählte ich Hishsi davon. Sie wurde wütend. Sie wollte ihn zur Rede stellen. Wollte wissen, wie er es wage, so über sie zu sprechen.
Ich verstand ihre Wut.
Und doch riet ich ihr, es nicht zu tun.
Nicht, weil er recht hatte. Sondern weil er keine Macht hatte – solange sie ihm diese Macht nicht gab.
Ich sagte ihr: Wenn du ihn zur Rede stellst, zeigst du ihm, dass seine Worte dich getroffen haben. Du gibst ihm die Erfahrung, dass seine Gedanken dein Inneres erreichen und dich bewegen können.
Du gibst ihm damit eine Macht, die er in Wahrheit nicht besitzt.
Seine Worte zeigen seinen Blick auf die Welt. Sie zeigen seine Grenzen. Sie zeigen sein Bewusstsein.
Sie zeigen nicht dich.
Ein freier Mensch muss nicht gegen jedes Urteil kämpfen. Er sieht es. Er erkennt es. Und er lässt es dort, wo es entstanden ist.
„Die Hölle, das sind die anderen“
Meine Freundin antwortete mir mit Sartres Satz: „Die Hölle, das sind die anderen.“
Ich verstehe, was er meint.
Der Blick der anderen kann ein Gefängnis bauen. Nicht aus Mauern. Sondern aus Gedanken.
Ich sah diese Sehnsucht nach Freiheit in den Worten ihrer Tochter. Und ich sehe sie hier jeden Tag.
Die Sehnsucht, nicht länger in fremden Gedanken zu leben.
Der Ort, der frei bleibt
Durch die Meditation mache ich eine andere Erfahrung.
Ich sehe, wie Gedanken entstehen. Wie sie kommen und gehen. Wie sie versuchen, mich mit sich zu ziehen.
Und ich sehe: Ich bin nicht diese Gedanken.
Der österreichische Psychiater Viktor Frankl beschrieb den Raum zwischen Reiz und Reaktion. In diesem Raum liegt unsere Freiheit.
Nicht die Freiheit, zu kontrollieren, was andere sagen.
Aber die Freiheit, zu entscheiden, was wir daraus machen.
Freiheit beginnt in einem unsichtbaren Raum
Die Worte anderer werden immer da sein. Ihre Urteile. Ihre Erwartungen.
Wir können sie nicht verhindern.
Aber wir können erkennen: Sie gehören nicht uns.
Zwischen ihren Worten und unserem Gedanken liegt ein Raum.
Und in diesem Raum beginnt Freiheit.
English version below
The Space Between Her Words and My Thought
A Lebanese friend sent me a video of her daughter. It lasted only thirty-one seconds.
Her daughter spoke softly. Her voice sounded heavy. She said she felt trapped in the thoughts of the people around her. In their expectations. In their judgments. She said she longed for freedom. Freedom from these thoughts. Freedom to simply be herself.
Thirty-one seconds.
And yet, an entire life opened within those seconds.
As I listened, I noticed not only her words. I noticed my thoughts about her words. I began to interpret. To understand. To feel.
And I realized something simple and profound: We do not live only in the outer world. We also live in the world of our thoughts.
What happens is one thing.
What we make of it is another.
How the Thoughts of Others Begin to Live Within Us
Someone says something about us. Perhaps casually. Perhaps without ill intent.
But inside us, a thought arises. And that thought begins to act. It connects with memories. With old images. With fears.
Suddenly, the judgment feels real.
Yet it began as nothing more than a sentence. A sentence formed in the mind of another person.
Between their sentence and our thought lies a space.
And in that space lies our freedom.
The Kitchen and a Sentence from Another Time
A few days ago, I stood in the kitchen washing dishes. Our landlord appeared in the doorway. He watched me for a moment and said:
“This is not good. She should do this. Not you.”
He meant Hishsi.
I disagreed calmly.
I said: This is my decision. I am retired. I have time. I want her to work. I want her to study. I want her to be independent. I want her never to depend on any man.
And I told him something else: I have taken responsibility. Not so that she belongs to me. But so that she can be free.
He listened. He did not reply.
The conversation ended there.
What I Told Hishsi Afterwards
That evening, I told Hishsi what had happened. She became angry. She wanted to confront him. She wanted to ask how he dared to speak about her in that way.
I understood her anger.
And yet I advised her not to confront him.
Not because he was right. But because he had no power—unless she gave it to him.
I told her: If you confront him, you show him that his words reached you. You allow him to feel that his thoughts can enter your inner world and move you.
You grant him a power he does not truly possess.
His words reveal his view of the world. They reveal his limits. They reveal his consciousness.
They do not define you.
A free person does not have to fight every judgment. They see it. They understand it. And they leave it where it was created.
“Hell Is Other People”
My friend replied with Sartre’s famous sentence: “Hell is other people.”
I understand what he meant.
The gaze of others can become a prison. Not made of walls, but of thoughts.
I heard this longing for freedom in the voice of her daughter. And I see it here every day.
The longing to no longer live inside the thoughts of others.
The Place That Remains Free
Through meditation, I have discovered something else.
I see how thoughts arise. How they come and go. How they try to pull me with them.
And I see: I am not these thoughts.
The Austrian psychiatrist Viktor Frankl described the space between stimulus and response. In that space lies our freedom.
Not the freedom to control what others say.
But the freedom to choose what we make of it.
Freedom Begins in an Invisible Space
The words of others will always exist. Their judgments. Their expectations.
We cannot prevent them.
But we can recognize: They do not belong to us.
Between their words and our thought lies a space.
And in that space, freedom begins.