Linien, Kreise und andere Zumutungen
Das Leben ist selten ordentlich.
Die Erklärungen sind es meistens schon.
Manche Menschen heiraten jemanden, von dem alle sagen: besser nicht.
Andere verlieren ein Kind.
Wieder andere begegnen irgendwo auf der Welt einem Menschen, der nicht passt. Falsches Alter. Falsche Herkunft. Falsche Geschichte. Und plötzlich ist alles durcheinander.
Ab da übernimmt die Psychologie.
Der Normmensch
Psychologie denkt naturwissenschaftlich. Das ist ihre Stärke.
Sie braucht Vergleichswerte. Normen. Durchschnitt. Statistik.
Kurz: den Normmenschen.
Der Normmensch verhält sich erwartbar.
Er liebt altersgerecht.
Er bindet sich stabil.
Er hat eine überschaubare Kindheit und verarbeitet sie zügig.
Wer davon abweicht, fällt auf.
Wer deutlich abweicht, bekommt eine Erklärung.
Und heute heißt diese Erklärung meistens: Trauma.
Trauma, das Schweizer Taschenmesser
Eine junge Frau sucht Schutz bei einem älteren Mann?
Trauma.
Der Mann fühlt sich verantwortlich?
Auch Trauma.
Sie Nähe, dann Rückzug?
Bindungstrauma.
Er bleibt trotzdem?
Retterdynamik.
Zwei Biografien, ein paar Stichworte – fertig ist die Diagnose.
Pathologisch. Gefährlich. Besser Abstand halten.
Das ist nicht einmal falsch.
Es ist nur unerquicklich.
Denn mit jeder Erklärung wächst der Druck.
Und mit dem Druck wächst die Scham.
Nicht, weil etwas böse wäre. Sondern weil es nicht normgerecht ist.
Linien machen Druck
Naturwissenschaft denkt in Linien.
Ursache. Wirkung. Prognose.
Das ist sinnvoll.
Ohne Linien gäbe es keine Medizin.
Keine Psychologie.
Keine Statistik.
Aber Linien haben eine Nebenwirkung:
Sie erzeugen richtig und falsch.
Wer richtig liegt, fühlt sich sicher.
Wer danebenliegt, fühlt sich schuldig.
Scham entsteht nicht aus dem Erleben.
Sie entsteht aus dem Maßstab.
Kreise nehmen Druck
Spiritualität denkt anders.
Sie kennt keinen Normmenschen.
Sie kennt Kreise.
Kreise fragen nicht zuerst: Was stimmt hier nicht?
Sondern: Was gehört zusammen?
Beziehungen sind dort keine Abweichungen, sondern Begegnungen.
Nicht erklärungsbedürftig, sondern eingebettet.
Als mir jemand ganz selbstverständlich sagte, wir kennten uns aus einem früheren Leben, war das kein Beweis. Kein Argument. Kein Freibrief.
Es war etwas viel Banaleres: eine Entlastung.
Plötzlich musste nichts mehr erklärt werden.
Nichts verteidigt.
Nichts beschämt.
Die Situation blieb komplex.
Aber sie wurde tragbar.
Zwei Ebenen, kein Streit
Psychologie erklärt, wie etwas entstanden ist.
Spiritualität fragt, wofür es da ist.
Die eine rechnet.
Die andere deutet.
Die eine braucht Linien.
Die andere Kreise.
Beides hat seinen Platz.
Nur nicht immer zur gleichen Zeit.
Zum Schluss, ganz unspirituell
Vielleicht ist Spiritualität keine Antwort auf das Universum.
Vielleicht ist sie nur die Kunst, nicht jede Abweichung sofort zu problematisieren.
Weniger erklären.
Weniger messen.
Mehr leben.
Man muss nicht alles verstehen, um es zu tragen.
Manches genügt sich selbst.
English version below
Lines, Circles, and Other Inconveniences
Life is rarely tidy.
Explanations usually are.
Some people marry someone everyone warns them against.
Others lose a child.
And some meet a person somewhere in the world who simply does not fit. Wrong age. Wrong background. Wrong story. And suddenly, everything is unsettled.
That is when psychology steps in.
The Normal Person
Psychology thinks like a natural science. That is its strength.
It needs reference points. Norms. Averages. Statistics.
In short: the normal person.
The normal person behaves predictably.
They love at the right age.
They form stable attachments.
They have a manageable childhood and process it efficiently.
Anyone who deviates stands out.
Anyone who deviates strongly gets an explanation.
And today, that explanation is usually called trauma.
Trauma, the Swiss Army Knife
A young woman seeks safety with an older man?
Trauma.
The man feels responsible?
Also trauma.
She seeks closeness, then withdraws?
Attachment trauma.
He stays anyway?
Rescuer dynamics.
Two life stories, a handful of keywords – diagnosis complete.
Pathological. Risky. Better keep your distance.
That is not even wrong.
It is simply unpleasant.
Because with every explanation, pressure increases.
And with pressure comes shame.
Not because something is evil, but because it does not fit the norm.
Lines Create Pressure
Natural science thinks in lines.
Cause. Effect. Prognosis.
That makes sense.
Without lines, there would be no medicine.
No psychology.
No statistics.
But lines have a side effect:
They create right and wrong.
If you are right, you feel safe.
If you miss the mark, you feel guilty.
Shame does not arise from experience itself.
It arises from the standard applied to it.
Circles Relieve Pressure
Spirituality thinks differently.
It knows no normal person.
It knows circles.
Circles do not first ask: What is wrong here?
They ask: What belongs together?
Relationships are not deviations there, but encounters.
Not something that needs to be explained, but something that is embedded.
When someone casually told me that we knew each other from a previous life, it was not proof. Not an argument. Not a free pass.
It was something far more ordinary: relief.
Suddenly, nothing had to be explained.
Nothing defended.
Nothing hidden in shame.
The situation remained complex.
But it became bearable.
Two Levels, No Argument
Psychology explains how something came into being.
Spirituality asks what it is for.
One calculates.
The other interprets.
One needs lines.
The other circles.
Both have their place.
Just not always at the same time.
In Closing, Entirely Unspiritual
Perhaps spirituality is not an answer to the universe.
Perhaps it is simply the art of not turning every deviation into a problem.
Less explaining.
Less measuring.
More living.
You do not have to understand everything to carry it.
Some things are sufficient in themselves.