Zwei Eier und eine alte Frage
Kann man Glauben verlieren – oder nur seine Gewissheit?
Pharping, südlich von Kathmandu. 6:15 Uhr. Noch bevor der Wecker klingelt, schlägt die Glocke des kleinen Shiva-Tempels auf der anderen Straßenseite an. Ein heller, metallischer Ton. Erst einer. Dann zwei. Dann ein unregelmäßiges Nachklingen, als taste jemand vorsichtig die Wirklichkeit ab.
Der Klang mischt sich mit dem Geruch von feuchtem Staub. Jemand fegt den Hof. Ein Hund hebt kurz den Kopf und schläft weiter.
Ich liege wach.
Am Abend zuvor habe ich den sechsten Vortrag Rudolf Steiners gelesen. Darin steht ein einfacher, gefährlicher Satz: Der Mensch lebt nicht nur in einer sichtbaren Welt. Er lebt zugleich in einer unsichtbaren Bedeutung.
Ich weiß nicht, ob das stimmt.
Aber ich merke, dass sich etwas verschiebt.
Nicht im Himmel.
In mir.
Dreißig Eier
Uns fehlen Eier. Ich ziehe mir eine Jacke über und gehe hinaus. Ungeduscht. Die Straße liegt offen vor mir. Ein Mann trägt einen Sack Reis auf der Schulter. Eine Frau verkauft Spinat aus einer flachen Metallschale. Wir sehen uns kurz an. Sie nickt.
Zwei Häuser weiter kaufe ich eine Lage Eier. Dreißig Stück für 550 Rupien, rund 3,20 Euro. Der Verkäufer legt sie vorsichtig in eine dünne Pappschachtel. Seine Finger sind rau, seine Bewegungen ruhig.
Später erfahre ich: Der Großhändler verlangt nur 300 Rupien.
Ich zahle fast doppelt so viel.
Ich ärgere mich nicht.
Ich koche zwei der Eier, wie fast jeden Morgen. Das Wasser beginnt leise zu zittern. Kleine Blasen steigen auf. Ich warte.
Während ich warte, denke ich an eine andere Frage.
Nicht an Geld.
An Glauben.
Eine Frage im Monsun
Kochi, Südindien. November 2022. Regen fällt in dichten, schrägen Linien vom Himmel. Ich flüchte in eine katholische Kirche. Ich setze mich in die letzte Reihe. Die Luft riecht nach nassem Stein und Kerzenwachs.
Neben mir sitzt eine Frau. Sie lehrt Religionsphilosophie in Texas. Sie ist auf Heimaturlaub.
Am Ende fragt sie mich:
„Kann man Glauben verlieren?“
Ich will antworten. Sie hebt die Hand.
„Oder hatte man ihn dann nie wirklich?“
Draußen steigt das Wasser. Der Küster bittet uns zu gehen. Die Frau nimmt meine Hand. Sie fürchtet sich vor Tieren im Wasser. Wir gehen gemeinsam durch den Regen. Unsere Füße verschwinden in braunen Strudeln.
Dann trennen sich unsere Wege.
Ich sehe sie nie wieder.
Aber ihre Frage bleibt.
Was ist Glaube?
Ich wollte einmal Diakon werden. Das war 1986. Ich lernte Texte. Ich kannte die richtigen Worte. Gott Vater. Sohn. Heiliger Geist.
Dann verlor ich den Glauben.
Oder verlor ich nur die Worte?
Heute vermute ich: Glaube ist kein Satz. Kein System. Kein Besitz.
Glaube ist eine Art, die Welt zu sehen.
Wenn ich nicht glaube, sehe ich Zufälle. Begegnungen ohne Zusammenhang. Entscheidungen ohne Richtung.
Wenn ich glaube, sehe ich Spuren.
Dann ergibt es Sinn, dass mir bei meiner ersten Reise nach Nepal Tränen kamen, während andere nur Staub und Chaos sahen. Dann ergibt es Sinn, dass mich bestimmte Menschen sofort vertraut anfühlten. Dann ergibt es Sinn, dass ich Wege ging, die kein Lebensberater empfohlen hätte.
Man kann das alles Zufall nennen.
Oder Antwort.
Kann Glaube kommen und gehen?
Ich weiß nicht, ob Glaube kommt und geht.
Ich weiß nur, dass sich meine Haltung verändert.
Als ich vierzehn war, entdeckte ich im Bücherbus eine Schallplatte von Ravi Shankar. Die langsamen Töne des Alap. Kein Rhythmus. Kein Ziel. Nur Entfaltung. Ich verstand nichts. Aber ich hörte zu.
Heute, fünfzig Jahre später, höre ich morgens die Tempelglocke.
Ich verstehe noch immer nichts.
Aber ich höre zu.
Vielleicht ist Glaube kein Besitz, den man gewinnen oder verlieren kann.
Vielleicht ist Glaube eine Bereitschaft.
Eine Bereitschaft, sich berühren zu lassen.
Zwei Eier
Ich nehme die Eier aus dem Wasser. Der Dampf steigt auf. Ich schrecke sie kurz ab. Die Schale bricht sauber. Das Eigelb ist weich.
Eine einfache Handlung.
Und doch trägt sie etwas.
Ich sitze am Tisch. Die Glocke ist verstummt. Die Straße füllt sich mit Stimmen. Ein neuer Tag beginnt.
Ich denke an die Frage aus Kochi.
Kann man Glauben verlieren?
Vielleicht verliert man nur die Antworten.
Und behält die Frage.
6:15 Uhr.
Eine Glocke.
Zwei Eier.
Und eine leise Gewissheit, dass ich nicht alles wissen muss, um hier zu sein.
English version below
Two Eggs and an Old Question
Can faith be lost — or only certainty?
Pharping, south of Kathmandu. 6:15 a.m. Before the alarm rings, the bell of the small Shiva temple across the street begins to sound. A bright, metallic tone. One strike. Then another. Then a fading vibration, as if someone were gently testing the surface of reality.
The sound blends with the smell of damp dust. Someone sweeps a courtyard. A dog lifts its head for a moment, then sleeps again.
I am awake.
The evening before, I had read Rudolf Steiner’s sixth lecture. It contains a simple, unsettling sentence: Human beings do not live only in a visible world. They also live within an invisible layer of meaning.
I do not know if this is true.
But I feel something shifting.
Not in the sky.
In me.
Thirty Eggs
We have run out of eggs. I put on a jacket and step outside. Unshowered. The street lies open before me. A man carries a sack of rice on his shoulder. A woman sells spinach from a shallow metal tray. We glance at each other. She nods.
Two houses down, I buy a tray of eggs. Thirty eggs for 550 rupees, about 3.20 euros. The shopkeeper places them carefully into a thin cardboard box. His fingers are rough. His movements calm.
Later, I learn that the wholesaler charges only 300 rupees.
I paid almost twice as much.
I do not mind.
I boil two of the eggs, as I do almost every morning. The water begins to tremble. Small bubbles rise. I wait.
While I wait, I think of another question.
Not about money.
About faith.
A Question in the Monsoon
Kochi, South India. November 2022. Rain falls in dense, slanted lines from the sky. I step into a Catholic church to escape the storm. I sit in the last row. The air smells of wet stone and candle wax.
A woman sits beside me. She teaches philosophy of religion in Texas. She is home for a visit.
At the end, she asks me:
“Can faith be lost?”
I am about to answer. She raises her hand.
“Or was it never truly there?”
Outside, the water is rising. The caretaker asks us to leave. She takes my hand. She fears animals in the floodwater. We walk together through the rain. Our feet disappear in brown currents.
Then our paths separate.
I never see her again.
But her question remains.
What Is Faith?
I once wanted to become a deacon. That was in 1986. I studied texts. I knew the right words. God the Father. The Son. The Holy Spirit.
Then I lost my faith.
Or did I only lose the words?
Today I suspect: faith is not a sentence. Not a system. Not something one owns.
Faith is a way of seeing.
Without faith, I see coincidence. Encounters without depth. Decisions without direction.
With faith, I see traces.
Then it makes sense that tears came to my eyes during my first journey to Nepal, while others saw only dust and disorder. Then it makes sense that certain people felt familiar from the first moment. Then it makes sense that I chose paths no rational advisor would have recommended.
You can call it coincidence.
Or response.
Can Faith Come and Go?
I do not know whether faith comes and goes.
I only know that my attitude has changed.
When I was fourteen, I discovered a Ravi Shankar record in a mobile library. The slow unfolding tones of the alap. No rhythm. No destination. Only emergence. I understood nothing. But I listened.
Today, fifty years later, I listen to the temple bell.
I still understand nothing.
But I listen.
Perhaps faith is not something one can gain or lose.
Perhaps faith is a readiness.
A readiness to be touched.
Two Eggs
I take the eggs out of the water. Steam rises. I cool them briefly. The shell breaks cleanly. The yolk is soft.
A simple act.
And yet it carries something.
I sit at the table. The bell has fallen silent. The street fills with voices. A new day begins.
I think of the question from Kochi.
Can faith be lost?
Perhaps we lose only the answers.
And keep the question.
6:15 a.m.
One bell.
Two eggs.
And a quiet certainty that I do not need to understand everything in order to be here.