Im Hof von Dollu – eine hermeneutische Annäherung mit Humor

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Ich sitze im Hof von Dollu. Nicht oben auf einer Dachterrasse mit Fernblick, sondern unten, im Erdgeschoss, im Halbschatten zwischen Hauswand und Wäscheleine. Neben mir ein Plastikhocker mit wackligem Bein, vor mir eine Tasse. Morgens trinke ich zuerst heißes Wasser. Danach Kaffee – ein, zwei Tassen. Erst später, im Lauf des Tages, Tee. Reihenfolge ist wichtig. Auch das ist Kultur.

Hishsi trinkt Tee oder heißes Wasser. Kaffee rührt sie nicht an. Wir teilen uns den Wasserkocher, nicht die Gewohnheiten. Und niemand von uns hält das für erklärungsbedürftig.

Dollu bei Pharping: ein Ort, der nach Kathmandu riecht und doch schon nach Land klingt. Stimmen aus der Nachbarschaft, Schritte, irgendwo ein Radio. Kein Hund im Hof, der mich ignoriert. Nur dieser Hof, der nichts erklärt und alles aushält.

Hishsi lernt drinnen für den Abschluss der 12. Klasse. Ich sitze draußen und denke nach. Typisch westliche Arbeitsteilung: Sie lernt Stoff, ich analysiere Bedeutungen. Hermeneutik nennt man das. Ich nenne es auch: Ich komme gerade nicht weiter und denke deshalb über alles nach.

Hishsi ist 29. Ich bin 69. Sie bereitet sich auf ihre Abschlussprüfung Ende März vor, um studieren zu können. Ich bereite mich auf nichts Konkretes vor – außer vielleicht darauf, nicht im Weg zu stehen. Wir leben zusammen in einer Erdgeschosswohnung in Dollu bei Pharping. Zwei Biografien, die sich nicht gesucht haben und trotzdem denselben Wasserkocher benutzen.

Zwei Arten, „ich“ zu sagen

Mein „Ich“ ist westlich sozialisiert: ein Projekt, eine Erzählung, eine Abfolge von Entscheidungen. Vierzig Jahre Informatik im Travel-IT-Bereich, eine eigene Firma, internationale Projekte, später die Leitung einer Waldorfschule. Seit Jahren schreibe ich Texte. Mein Denken liebt Ordnung, Muster, Erklärungen.

Westliche Psychologie passt dazu wie ein Werkzeugkasten. Sie liefert Begriffe, Diagnosen, Modelle. Sie macht Komplexität handhabbar. Das ist hilfreich – und gefährlich zugleich. Denn wer Werkzeuge besitzt, sieht schnell überall Schrauben.

Hishsis „Ich“ funktioniert anders. Nicht romantisch, nicht „östlich“ im Klischeesinn, sondern relational. Ihr Leben verläuft weniger als Linie, eher als Balancearbeit: zwischen Erwartungen, Loyalitäten, Scham, Stolz, Anpassung und Widerstand. Zwischen Familie, Bildung und Zukunft. Zwischen zwei Namen, zwei Kontexten, zwei Welten.

Als wir uns 2024 in Zypern wiedertrafen, sprachen wir nicht über Identität oder Trauma, sondern über Schule. 12. Klasse nachholen. Abitur machen. Nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Notwendigkeit. Lernen als Weg in Handlungsspielraum. Lernen als Reifung.

Zurück in Nepal folgte ein Jahr der Beharrlichkeit: Zeugnisse beschaffen, administrative Hürden überwinden, Prüfungen bestehen. Seit Juni arbeitet Hishsi als Aushilfslehrerin in einer Vorschule in Pharping. Jetzt ist Endspurt.

Psychologie als Schnellimbiss

Und dann ist da dieses dritte Zimmer unserer Wohnung – unsichtbar, aber immer präsent: das Smartphone. Es bringt einen Strom ins Haus, der nicht nach Staub riecht, sondern nach Bildern. Social Media.

Ich sehe dort immer häufiger psychologische Ratgeber, die scheinbar einfache Lösungen für komplexe persönliche Probleme liefern. Fünf Anzeichen. Drei Schritte. Ein Label, und alles wirkt sortiert.

Im Westen neigen wir dazu, Persönlichkeiten zu pathologisieren, sobald sie vom angenommenen Normalmaß abweichen. Wer nicht passt, gilt schnell als krank, komisch oder unnormal. Das wirkt aufgeklärt – ist aber oft nur normativ.

Hier werden Erfahrungen anders gelesen. Eingebettet in Karma, in Beziehungen, in Lebensumstände. Nicht alles ist ein Defekt. Nicht alles ein Fall. Hishsi und ich? Karma. Punkt. Daraus muss man keine psychischen Störungen konstruieren.

Ganz so einfach ist es allerdings auch hier nicht. Menschen sind stark in soziale Gefüge eingebunden. Eltern kommen zuerst. Erwartungen auch. Und Karma wird nicht von allen gleich gelesen.

Ich merke, wie mein westlicher Reflex anspringt: erklären, korrigieren, einordnen. Aber Hermeneutik lehrt Zurückhaltung. Nicht alles sofort verstehen wollen. Erst lesen. Dann vielleicht sprechen.

Was bleibt

Ich schreibe diesen Text nicht, um eine Theorie zu beweisen. Ich schreibe ihn, weil ich mich im Hof von Dollu selbst neu lese. Und Hishsi auch – nicht als Projekt, nicht als Fall, sondern als Person auf einem eigenen, mühsamen, aber selbstbestimmten Weg.

Vielleicht ist das die wichtigste Gegenbewegung zur Social-Media-Psychologie: keine schnellen Etiketten, sondern langsame Wege. Kein „Ich habe es verstanden“, sondern ein „Ich bleibe da, auch wenn ich es nicht verstehe“.

Im Hof von Dollu lerne ich etwas Unwestliches: Manches wird nicht gelöst. Manches wird getragen. Und manches wird, ohne großen Satz, einfach irgendwann leichter.


English version below


In the Courtyard of Dollu – A Hermeneutic Approach with Humor

I sit in the courtyard of Dollu. Not on a rooftop terrace with a sweeping view, but down on the ground floor, in the half-shade between a wall and a clothesline. Beside me, a plastic stool with a wobbly leg; in front of me, a cup. In the morning I drink hot water first. Then coffee—one or two cups. Only later in the day do I switch to tea. Order matters. That, too, is culture.

Hishsi drinks tea or hot water. She doesn’t touch coffee. We share the kettle, not our habits. And neither of us feels the need to explain that.

Dollu near Pharping: a place that smells like Kathmandu and already sounds like the countryside. Voices from the neighborhood, footsteps, a radio somewhere. No dog in the courtyard ignoring me. Just this courtyard, which explains nothing and holds everything.

Hishsi is inside studying for her 12th-grade final exams. I sit outside and think. A typically Western division of labor: she studies content, I analyze meaning. That’s what you call hermeneutics. I also call it this: I’m not getting anywhere, so I start thinking about everything.

Hishsi is 29. I am 69. She is preparing for her final exams at the end of March so she can go on to university. I’m preparing for nothing in particular—except perhaps for not getting in the way. We live together in a ground-floor apartment in Dollu near Pharping. Two biographies that didn’t seek each other out and still end up using the same kettle.

Two Ways of Saying “I”

My “I” is shaped by the West: a project, a narrative, a sequence of decisions. Forty years in travel IT, my own company, international projects, later managing a Waldorf school. I’ve been writing for years. My thinking likes order, patterns, explanations.

Western psychology fits that mindset like a toolbox. It offers terms, diagnoses, models. It makes complexity manageable. That can be helpful—and risky. If you have tools, you start seeing screws everywhere.

Hishsi’s “I” works differently. Not romantically, not “Eastern” in a clichéd sense, but relational. Her life unfolds less like a straight line and more like constant balancing: between expectations, loyalty, shame, pride, adaptation, and resistance. Between family, education, and future. Between two names, two contexts, two worlds.

When we met again in Cyprus in 2024, we didn’t talk about identity or trauma. We talked about school. Finishing 12th grade. Getting a diploma. Not out of ambition, but necessity. Learning as a path to agency. Learning as maturation.

Back in Nepal, a year of persistence followed: retrieving certificates, overcoming administrative hurdles, passing exams. Since June, Hishsi has been working as an assistant teacher at a preschool in Pharping. Now it’s the final stretch.

Psychology as Fast Food

And then there is this third room in our apartment— invisible, yet always present: the smartphone. It brings a stream into the house that doesn’t smell like dust, but like images. Social media.

I see more and more psychological advice online promising simple solutions to complex personal problems. Five signs. Three steps. One label, and everything seems neatly sorted.

In the West, we tend to pathologize personalities as soon as they deviate from an assumed norm. Those who don’t fit are quickly labeled sick, strange, or abnormal. It sounds enlightened—but is often just normative.

Here, experiences are read differently. Embedded in karma, in relationships, in life circumstances. Not everything is a defect. Not everything is a case. Hishsi and I? Karma. Period. No need to construct psychological disorders from that.

Still, it’s not that simple here either. People are deeply embedded in social structures. Parents come first. Expectations too. And karma is not interpreted the same way by everyone.

I notice my Western reflex kicking in: explain, correct, classify. But hermeneutics teaches restraint. Not everything needs to be understood immediately. First, read. Then, perhaps, speak.

What Remains

I’m not writing this to prove a theory. I’m writing because, in the courtyard of Dollu, I read myself differently. And I read Hishsi differently too—not as a project, not as a case, but as a person on her own demanding yet self-determined path.

Perhaps this is the most important counter-move to social-media psychology: not quick labels, but slow paths. Not “I’ve understood it,” but “I’m staying—even when I don’t understand.”

In the courtyard of Dollu, I’m learning something un-Western: some things are not solved. Some things are carried. And some things, without any grand statement, simply become lighter over time.