Ankommen heißt, sich festzulegen

Ich bin gekommen, um zu bleiben – zwei, vielleicht drei Jahre. Zum ersten Mal fühlt sich Nepal nicht mehr wie ein Besuch an. Geschlossene Türen, Papierwege und alltägliche Entscheidungen machen mir klar: Ankommen heißt nicht, dass Türen aufgehen. Ankommen heißt, die richtige Reihenfolge zu erkennen. Erst die Sprache. Dann alles andere.

I came to stay – for two, maybe three years. For the first time, Nepal no longer feels like a visit. Closed doors, paperwork, and everyday decisions make one thing clear: arriving does not mean doors open. Arriving means recognizing the right order. First the language. Then everything else.

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Erst die Butterlampe. Dann die Frage.

Seit einer Woche beginnt mein Tag in Nepal mit Glocken, Gesängen und Vogelrufen. Spiritualität ist hier kein Thema, sondern Praxis. Im Gespräch mit der 21-jährigen Aasha, Yoga-Lehrerin und Homestay-Betreiberin, zeigt sich ein Paradox: Während Menschen aus dem Westen nach Nepal kommen, um Sinn und Stille zu suchen, plant sie ihre Zukunft zwischen Meditation, wirtschaftlicher Verantwortung und dem Wunsch, die Welt zu sehen. Ein Essay über Rhythmus, Freiheit – und die Frage, was wir verloren haben.

For a week now, my days in Nepal have begun with temple bells, chanting, and birdsong. Here, spirituality is not a topic—it is a practice. In conversations with Aasha, a 21-year-old yoga teacher and homestay host, a paradox emerges: while visitors from the West come to Nepal in search of meaning and stillness, she navigates meditation, economic responsibility, and her desire to see the world. An essay about rhythm, freedom, and what we may have lost.

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Wenn Lesen hörbar wird

Ich sitze im Wohnzimmer und höre aus der Küche eine Stimme. Hishsi liest laut aus ihren Soziologie-Büchern. Ich verstehe die Sprache nicht – und höre doch, wie Lernen geschieht. Das Lautlesen macht Wissen hörbar und erinnert daran, dass Bildung mehr ist als stilles Verstehen: Sie ist Beziehung, Körper und Gegenwart.

I am sitting in the living room, listening to a voice from the kitchen. Hishsi is reading aloud from her sociology textbooks. I do not understand the language — yet I can hear learning taking place. Reading aloud makes knowledge audible and reminds us that education is more than silent comprehension: it is relational, embodied, and present.

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Stroh, Messer, Geduld

Nur wenige Schritte von meiner Wohnung in Dallu entfernt liegt eine kleine Galerie. Kein Leuchtschild, kein Schaufenster. Und doch bleiben Menschen stehen. Sie treten ein, beugen sich über Strohbilder und Aquarelle – und nehmen am Ende mehr mit als ein Bild: die Geschichte eines Namens, der reist.

Just a few steps from my apartment in Dallu, there is a small gallery. No neon sign, no display window. Yet people stop. They step inside, lean over straw pictures and watercolors—and leave with more than an artwork: the story of a name that travels.

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Nicht alles, was abweicht, ist krank.

Nicht jede Abweichung ist ein psychisches Problem. Der Beitrag unterscheidet zwischen hilfreicher Psychotherapie und gesellschaftlicher Pathologisierung und zeigt, wie soziale Maßstäbe Scham erzeugen, wo zuvor kein Leid war.

Not every deviation is a mental disorder. This essay distinguishes between helpful psychotherapy and social pathologization, showing how social norms can create shame where there was no suffering before.

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Linien, Kreise und andere Zumutungen

Psychologie erklärt, wie Menschen funktionieren. Spiritualität fragt nach dem Sinn. Dieser Essay reflektiert, warum lineares Denken oft Scham erzeugt – und wie spirituelle Perspektiven helfen können, Beziehungen, Abweichungen von der Norm und das eigene Leben gelassener zu tragen.

Psychology explains how people function. Spirituality asks why life unfolds the way it does. This essay explores how linear thinking can create shame—and how spiritual perspectives can bring meaning, relief, and greater ease to relationships and life beyond norms.

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Bücher, Wege und die frühe Nähe zur Ferne

Ein Essay über Bücher als Erfahrungsräume, frühe Lesespuren und spätere Reisen. Zwischen Bücherregal und Aufbruch nach Nepal zeigt der Text, wie Lesen und Leben sich gegenseitig vertiefen.

An essay on books as lived spaces, early reading influences, and later journeys. Moving from a bookshelf to a departure for Nepal, the text explores how reading and life deepen one another.

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Mama fragt: Wer ist Heidegger – und warum sollten wir ihm heute zuhören?

Aus einem einfachen Satz meiner 85-jährigen Mutter entsteht eine alltagstaugliche Annäherung an Heidegger: nicht als Denkmal, sondern als Erinnerung daran, die Welt nicht nur zu erklären, sondern zu erleben. Am Beispiel von Baum und Stuhl zeigt der Text, warum Verstehen auch Verblendung sein kann – und warum Aushalten manchmal klüger ist als Kontrolle.

A simple remark by my 85-year-old mother becomes an everyday introduction to Heidegger—not as a monument, but as a reminder to experience the world rather than merely explain it. Using the image of a tree turned into a chair, the essay shows how understanding can slide into blindness, and why endurance can be wiser than control.

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Europa ohne Mythos – warum Staaten stark sind und die EU schwach / Europe without a Myth – Why States Are Strong and the EU Is Weak

Ein Essay darüber, warum starke nationale Mythen Staaten zusammenhalten – und warum der EU eine gemeinsame Erzählung fehlt, die sie politisch und emotional tragen könnte. Der Text zeigt, wie Europa ohne Mythos verwundbar bleibt und warum es dringend eine eigene, verbindende Geschichte braucht.

An essay exploring why strong national myths bind states together – and why the EU lacks a shared story that could sustain it politically and emotionally. The piece argues that Europe remains vulnerable without a unifying myth and needs a compelling common narrative.

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Der Schutzmantel der Harmonie

Über das fragile Gleichgewicht zwischen Harmoniebedürfnis und tiefer Reflexion – und darüber, wie zwei gut gemeinte Lebensstrategien in Beziehungen unvereinbar werden können.

Exploring the fragile balance between the need for harmony and the drive for deep reflection—and how two well-intentioned emotional strategies can become fundamentally incompatible within relationships.

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Was wir tun, wenn niemand hinschaut

Dieser Beitrag fragt, welche Tätigkeiten wir weiterführen würden, selbst wenn niemand hinschaut. Ausgehend von Pythagoras und einer Frage aus „Philosophize This!“ beschreibt der Text drei Bereiche, die Sinn tragen: Menschen begleiten, Schreiben als Klärung und Brücken zwischen Kulturen bauen. Es geht um Hingabe ohne Gegenleistung – und um die Frage, was uns wirklich nährt.

This piece explores which activities we would continue even if no one watched. Inspired by Pythagoras and a question from “Philosophize This!”, it highlights three meaningful practices: supporting others, writing for clarity, and connecting cultures. It is about dedication without reward—and the question of what truly sustains us.

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Alles ist im Werden – Notizen einer unerwarteten Woche

Ein persönlicher Rückblick auf eine Woche voller geistiger Verknüpfungen: von projektiver Geometrie über Goethes Metamorphose bis zur buddhistischen Lehre vom Nicht-Ich. Ein Nachdenken über das Werden, die Illusion des Statischen und die Momente, in denen das Leben neu aufblüht.

A personal reflection on a week in which ideas from projective geometry, Goethe’s metamorphosis, and Buddhist non-self came together. A meditation on becoming, the illusion of the static, and the moments in which life opens anew.

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Zwischen Veda und Verfassung – Nepals Suche nach einem Gleichgewicht

Nepals Verfassung versucht, ein vielfältiges Land im Gleichgewicht zu halten. Sie verteilt Macht zwischen Regionen und Gruppen und knüpft damit an ein altes vedisches Ordnungsdenken an: Einheit entsteht nicht durch Gleichmachung, sondern durch faire Beziehungen. Daran misst sich die Zukunft Nepals.

Nepal’s constitution seeks to maintain balance in a deeply diverse society. It distributes power across regions and communities, echoing an older Vedic idea of order: unity does not come from sameness but from fair and respectful relationships. This is the measure of Nepal’s political future.

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Wir erzählen uns Geschichten

Wir Menschen brauchen Geschichten über Zugehörigkeit – Nation, Religion, Kaste. Sie verbinden und schützen uns. Doch wenn wir sie verabsolutieren, werden sie zu Grenzen. Freiheit beginnt, wenn wir erkennen: Diese Geschichten sind von uns gemacht, und wir können sie gemeinsam verändern.

We rely on stories of belonging — nation, religion, caste. They connect and protect us. But when we treat them as absolute truths, they become walls. Freedom begins when we see that these stories are made by us, and can be rewritten — together.

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