Die Droge der Gewissheit
Vor einigen Wochen saß ich in Kathmandu am Küchentisch einer nepalesischen Familie. Draußen hupten Motorräder. In der Küche roch es nach Masala-Tee. Der Vater saß schweigend am Fenster. Seine Hände zitterten leicht. Seit Jahrzehnten trinkt er. Die Leber macht nicht mehr richtig mit, die Familie leidet mit ihm.
Irgendwann sagte jemand: „Das ist sein Karma.“ Drei Wörter – und plötzlich schien alles erklärt. Warum er trinkt. Warum er krank ist. Warum die Familie leidet. Warum sich nichts ändern lässt. Ich saß da und fragte mich: Wirklich?
Einige Tage später brachte seine Tochter ihn in eine Entzugsklinik. Gegen Zweifel. Gegen Widerstände. Gegen den unterschwelligen Druck einer Familie, die sich längst an den Zustand gewöhnt hatte. Sie organisierte den Transport, kümmerte sich um die Aufnahme und begleitete ihn. Sie hätte sagen können: „Es ist sein Karma.“ Sie hätte sagen können: „So ist er eben.“ Sie hätte sagen können: „Daran kann niemand etwas ändern.“ Stattdessen handelte sie.
Ob die Behandlung gelingt, weiß niemand. Vielleicht wird er rückfällig. Vielleicht wird er die Therapie abbrechen. Vielleicht gelingt ihm tatsächlich ein Neuanfang. Das Entscheidende liegt für mich inzwischen woanders. In diesem Moment ging es nicht mehr um Erklärungen. Es ging um Verantwortung. Um Mitgefühl. Um die Bereitschaft, etwas zu tun, obwohl das Ergebnis offen ist.
Später erinnerte ich mich an meine erste Ehe. Unsere Tochter war schwer krank und starb jung. Irgendwann erklärte mir jemand ihre Krankheit mit meiner Herkunft. Man nannte mich einen „Bastard“, ein uneheliches Kind. Vielleicht, so hieß es, liege dort die Ursache ihres Schicksals. Eine absurde Erklärung. Und doch hatte sie etwas Verführerisches. Sie machte aus einem unfassbaren Ereignis eine Geschichte. Sie gab dem Leid einen Sinn.
Menschen können vieles ertragen: Schmerz, Verlust, Krankheit, Enttäuschung. Was wir oft nur schwer aushalten, ist Unsicherheit. Wir wollen wissen, warum etwas geschieht. Und wenn wir keine Antwort finden, greifen wir manchmal nach der ersten, die uns begegnet.
Einige finden sie in Religionen. Andere in politischen Ideologien. Wieder andere in spirituellen Lehren. Doch damit endet die Geschichte nicht. Auch der überzeugte Rationalist ist davor nicht geschützt. Der eine erklärt das Leid mit Karma, der andere mit Hormonen. Der eine mit einem früheren Leben, der andere mit Evolution, Genetik oder Kindheitstraumata. Oft enthalten diese Erklärungen einen wahren Kern. Gefährlich werden sie erst, wenn sie die Wirklichkeit ersetzen.
Ein Arzt, der eine Diagnose stellt, hilft. Ein Arzt, der glaubt, den Menschen damit vollständig erklärt zu haben, wird gefährlich. Ein spiritueller Lehrer, der Trost spendet, hilft. Ein spiritueller Lehrer, der behauptet, das Schicksal eines anderen Menschen zu kennen, wird gefährlich.
Ich glaube inzwischen, dass nicht Religionen die eigentliche Droge sind. Nicht Wissenschaft. Nicht Spiritualität. Die eigentliche Droge ist Gewissheit. Sie beruhigt. Sie entlastet. Sie nimmt uns die Last des Nichtwissens ab. Und genau deshalb ist sie so verführerisch.
Dabei beginnen die wichtigsten Dinge meines Lebens fast immer mit einem Satz, den ich früher nur ungern ausgesprochen habe: „Ich weiß es nicht.“
Ich weiß nicht, warum ein Mensch Alkoholiker wird. Ich weiß nicht, warum Kinder sterben. Ich weiß nicht, warum manche Beziehungen ein Leben lang halten und andere zerbrechen. Ich weiß nicht, warum wir den einen Menschen lieben und den anderen nicht.
Aber gerade dieses Nichtwissen zwingt mich hinzuschauen. Es zwingt mich zuzuhören. Es zwingt mich zu handeln.
Je älter ich werde, desto weniger interessieren mich Menschen mit Antworten. Mich interessieren Menschen mit Fragen. Menschen, die bereit sind, neben einem Alkoholiker zu sitzen, ohne sein Leben zu erklären. Menschen, die einen Trauernden trösten, ohne dessen Schmerz zu deuten. Menschen, die handeln, obwohl sie den Ausgang nicht kennen.
Vielleicht beginnt Weisheit genau dort. Nicht im Besitz der Wahrheit, sondern in der Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und trotzdem Verantwortung zu übernehmen.
Denn Erklärungen beruhigen. Handlungen verändern etwas. Manchmal nicht die Welt. Aber oft einen Menschen.
English version below
The Drug of Certainty
A few weeks ago, I was sitting at the kitchen table of a Nepali family in Kathmandu. Outside, motorcycles were honking. The kitchen smelled of masala tea. The father sat quietly by the window. His hands trembled slightly. He had been drinking for decades. His liver was beginning to fail, and the whole family was suffering with him.
At some point, someone said, “It is his karma.” Three words—and suddenly everything seemed explained. Why he drank. Why he was ill. Why the family suffered. Why nothing could be changed. I sat there and wondered: Really?
A few days later, his daughter took him to a rehabilitation clinic. Against doubts. Against resistance. Against the quiet pressure of a family that had long grown accustomed to the situation. She arranged transportation, handled the admission process, and accompanied him there. She could have said, “It is his karma.” She could have said, “That’s just the way he is.” She could have said, “Nobody can change this.” Instead, she acted.
No one knows whether the treatment will succeed. He may relapse. He may leave the program early. Or perhaps he will manage a genuine new beginning. For me, however, the important point lies elsewhere. In that moment, it was no longer about explanations. It was about responsibility. About compassion. About the willingness to act even when the outcome remains uncertain.
Later, I found myself thinking about my first marriage. Our daughter was seriously ill and died at a young age. At some point, someone tried to explain her illness by pointing to my origins. I was called a “bastard,” an illegitimate child. Perhaps, they suggested, that was the reason for her fate. An absurd explanation. Yet it carried a certain temptation. It turned an incomprehensible tragedy into a story. It gave suffering a meaning.
Human beings can endure many things: pain, loss, illness, disappointment. What we often struggle to endure is uncertainty. We want to know why things happen. And when we cannot find an answer, we sometimes grab the first one that comes along.
Some find it in religion. Others in political ideologies. Still others in spiritual teachings. But the story does not end there. Even the most committed rationalist is not immune. One person explains suffering through karma, another through hormones. One through a previous life, another through evolution, genetics, or childhood trauma. Many of these explanations contain a grain of truth. They become dangerous only when they begin to replace reality itself.
A doctor who makes a diagnosis helps. A doctor who believes that diagnosis fully explains a human being becomes dangerous. A spiritual teacher who offers comfort helps. A spiritual teacher who claims to know another person’s destiny becomes dangerous.
I have come to believe that religion is not the real drug. Nor science. Nor spirituality. The real drug is certainty. It calms us. It relieves us. It lifts from our shoulders the burden of not knowing. That is precisely what makes it so seductive.
The most important things in my life, however, almost always begin with a sentence I once disliked saying: “I don’t know.”
I don’t know why one person becomes an alcoholic. I don’t know why children die. I don’t know why some relationships last a lifetime while others fall apart. I don’t know why we love one person and not another.
Yet it is precisely this not-knowing that forces me to look more closely. It forces me to listen. It forces me to act.
The older I become, the less interested I am in people who have answers. I am interested in people who have questions. People willing to sit beside an alcoholic without explaining his life. People who comfort the grieving without interpreting their pain. People who act even when they do not know how the story will end.
Perhaps wisdom begins exactly there—not in possessing the truth, but in the ability to live with uncertainty and still take responsibility.
Because explanations may comfort us. Actions change things. Sometimes not the world. But often a human life.