Auf derselben Suche
Vor wenigen Tagen saß ich wieder an meinem Schreibtisch in Deutschland. Die Bücher standen dort, wo ich sie vor fünf Monaten zurückgelassen hatte. Die Kameras lagen im Regal. Auf dem Stuhl hing eine Jacke, die ich in Nepal nicht ein einziges Mal vermisst hatte. Draußen sang eine Amsel. Alles war an seinem Platz. Nur ich nicht.
Als ich aus dem Fenster schaute, erinnerte ich mich an einen Nachmittag vor zwei Jahren am Strand von Androlykou auf Zypern. Hishsi und ich waren dort für ein Fotoshooting. Das Meer lag still, die Sonne stand tief. Zwischen den Felsen lagen unsere Taschen, die Kamera und eine Flasche Wasser. Wir unterhielten uns. Über die Zukunft. Über Ausbildung. Über Freiheit. Über das Leben.
Damals wusste ich nicht, warum mich dieses Gespräch so tief bewegte. Heute glaube ich, es lag nicht an den Antworten. Es waren die Fragen.
Wer solche Fragen stellt, gerät leicht in Versuchung, sein bisheriges Leben abzuwerten. Plötzlich scheint alles Vorherige klein. Als hätte das eigentliche Leben erst gestern begonnen. Ich halte das inzwischen für einen Irrtum.
Meine Kindheit war nicht sinnlos. Die Jahre mit meiner Familie waren nicht sinnlos. Die Liebe zu meinen Kindern war nicht sinnlos. Der Schmerz über den Verlust meiner Tochter war nicht sinnlos. Die Firma, die ich aufgebaut habe, war nicht sinnlos. Die Schule, die ich später leiten durfte, war nicht sinnlos. Die Freundschaften, die Reisen, die Bücher, die Fotografie – nichts davon war sinnlos.
All diese Erfahrungen haben mich zu dem Menschen gemacht, der heute an diesem Schreibtisch sitzt und aus dem Fenster schaut. Und dennoch hat sich etwas verändert.
Vor einigen Jahren begegnete ich einer jungen Frau aus Nepal. Vierzig Jahre jünger als ich. Aufgewachsen unter Bedingungen, die ich nur schwer begreifen kann. Eine Kindheit mit Armut, Gewalt und Unsicherheit. Später ein Kloster. Dann die Flucht daraus. Frühmorgens. Heimlich. Mit zwanzig Rupien in der Tasche. Zu wenig für die Busfahrt.
Wenn ich an diesen Moment denke, bewundere ich nicht ihren Mut allein. Ich bewundere ihren Willen. Die Weigerung, andere über das eigene Leben entscheiden zu lassen. Vielleicht berührt mich genau das so sehr. Nicht weil sie meinem Leben Sinn gibt. Sondern weil sie mich an etwas erinnert, das ich beinahe vergessen hatte. Dass ein Mensch sein Leben immer wieder neu wählen kann.
Lange dachte ich, sie sei die Antwort. Heute glaube ich, sie war die Frage. Oder genauer: Sie brachte mich zurück zu einer Frage, die ich lange nicht mehr gestellt hatte. Wofür möchte ich die Jahre nutzen, die mir bleiben? Nicht als Unternehmer. Nicht als Schulleiter. Nicht als Ehemann. Nicht als Vater. Nicht als Fotograf. Sondern als Mensch.
Je älter ich werde, desto weniger interessieren mich fertige Antworten. Die großen Gewissheiten haben ihren Reiz verloren. Die religiösen ebenso wie die weltlichen. Mich interessieren Menschen, die suchen. Menschen, die bereit sind, ihre Meinung zu ändern. Menschen, die handeln, obwohl sie den Ausgang nicht kennen.
Vielleicht bewundere ich Hishsi deshalb. Nicht weil sie die Antwort kennt. Sondern weil sie sucht. Und vielleicht erkenne ich in ihr etwas wieder, das auch in mir lebt. Diese Weigerung, sich mit vorgefertigten Antworten zufriedenzugeben.
Heute glaube ich nicht mehr, dass ein anderer Mensch meinem Leben Sinn geben kann. Diese Last wäre zu groß. Für jede Frau. Für jeden Mann. Für jedes Kind. Für jeden Freund. Aber Menschen können einander daran erinnern, welche Fragen wirklich wichtig sind. Sie können Türen öffnen. Sie können Spiegel sein. Sie können uns aufrütteln. Und manchmal begegnen wir einem Menschen, der uns zwingt, noch einmal von vorne zu beginnen. Nicht weil er die Antwort kennt. Sondern weil er dieselbe Frage stellt.
Der Sinn des Lebens besteht für mich nicht darin, eine endgültige Antwort zu finden. Er besteht darin, die Suche nicht aufzugeben. Zu lernen. Zu lieben. Verantwortung zu übernehmen. Sich berühren zu lassen. Und dankbar zu sein für die Menschen, die uns auf diesem Weg begleiten.
Wo ich bin, will ich sein. Bei den Menschen, die ich liebe. Bei meiner Familie. Bei meinen Freunden. Bei Hishsi und ihrer Familie. Nicht morgen. Nicht irgendwann. Sondern jetzt. Denn das Leben findet nicht dort statt, wo wir gerne wären. Es findet dort statt, wo wir sind.
Foto (c): „Aayansh heute Morgen in Patan, Kathmandu. Vielleicht ist die Suche älter als jede Antwort.“
English version below
Searching for the Same Thing
A few days ago, I found myself sitting once again at my desk in Germany. The books were exactly where I had left them five months earlier. The cameras rested on the shelf. A jacket hung over a chair—a jacket I had not missed even once during my months in Nepal. Outside, a blackbird was singing. Everything was in its place. Except me.
As I looked out of the window, I found myself thinking back to an afternoon two years ago on Androlykou Beach in Cyprus. Hishsi and I were there for a photo shoot. The sea was calm, the sun hung low above the horizon. Between the rocks lay our bags, a camera, and a bottle of water. We talked. About the future. About education. About freedom. About life.
At the time, I did not understand why that conversation moved me so deeply. Today, I believe it was not the answers that mattered. It was the questions.
Anyone who begins to ask such questions is tempted to devalue everything that came before. Suddenly, the past seems small, as if real life had only just begun yesterday. I now believe that is a mistake.
My childhood was not meaningless. The years with my family were not meaningless. The love I have for my children was not meaningless. The pain of losing my daughter was not meaningless. The company I built was not meaningless. The school I later had the privilege to lead was not meaningless. The friendships, the journeys, the books, the photography—none of it was meaningless.
All of those experiences shaped the person who now sits at this desk and looks out of the window. And yet, something has changed.
Several years ago, I met a young woman from Nepal. She is forty years younger than I am. She grew up under circumstances that are difficult for me to fully comprehend: poverty, violence, uncertainty. Later came life in a monastery. Then her escape from it. Early in the morning. Secretly. With only twenty rupees in her pocket—too little even for the bus fare.
When I think of that moment, it is not only her courage that I admire. It is her determination. Her refusal to let others decide what her life should be. Perhaps that is what moves me so deeply. Not because she gives meaning to my life, but because she reminds me of something I had almost forgotten: that a human being can choose their life again and again.
For a long time, I thought she was the answer. Today, I believe she was the question. Or rather, she brought me back to a question I had not asked myself in a very long time: What do I want to do with the years I have left? Not as an entrepreneur. Not as a school principal. Not as a husband. Not as a father. Not as a photographer. But as a human being.
The older I become, the less interested I am in ready-made answers. Grand certainties have lost their appeal—religious certainties as much as secular ones. I am interested in people who keep searching. People who are willing to change their minds. People who act even when they do not know how the story will end.
Perhaps that is why I admire Hishsi. Not because she knows the answer, but because she keeps searching. And perhaps I recognize something in her that also lives within me: a refusal to settle for pre-packaged answers.
Today, I no longer believe that another person can give meaning to my life. That burden would be too heavy—for any woman, any man, any child, any friend. But people can remind one another of the questions that truly matter. They can open doors. They can act as mirrors. They can wake us up. And sometimes we meet someone who forces us to begin again—not because they know the answer, but because they are asking the very same question.
For me, the meaning of life is not found in discovering a final answer. It lies in refusing to give up the search. In learning. In loving. In taking responsibility. In allowing oneself to be touched by life. And in being grateful for the people who accompany us along the way.
Where I am, I want to be. With the people I love. With my family. With my friends. With Hishsi and her family. Not tomorrow. Not someday. But now. Because life does not happen where we wish we were. It happens where we are.
Picture: „Aayansh this morning in Patan, Kathmandu. Perhaps the search begins long before we know the questions.“