Ich muss hingehen

Read this post in English ↓

Manche Menschen haben sich darüber gewundert, dass ich Dinge sehen wollte, bevor ich mir ein Urteil bildete. Eigentlich begleitet mich diese Eigenart schon mein ganzes Berufsleben.

Als ich eine Schule leitete und der Hausmeister sagte, in einem unserer Gebäude sei die Heizung ausgefallen oder müsse ersetzt werden, ging ich mit ihm hinauf unters Dach und sah mir die Sache an. Nicht, weil ich etwas von Heizungen verstand oder ihm misstraute. Im Gegenteil: Er verstand viel mehr davon als ich. Aber ich wollte sehen, wovon wir sprachen. Das galt auch für die Schulküche, die Aula oder einen Klassenraum. Geschäftsführung besteht manchmal eben auch darin, Treppen zu steigen.

In meinen Jahren als Informatiker war es ähnlich. Ich wollte bei den Entwicklern sitzen und verstehen, warum eine scheinbar einfache Änderung drei Wochen dauern sollte. Aber genauso wollte ich neben den Menschen sitzen, die unsere Software täglich benutzten. Mitunter erklärte mir ein Entwickler vollkommen überzeugend, warum eine Funktion logisch und elegant gebaut war. Dann setzte ich mich neben eine Anwenderin, sah ihr drei Minuten bei der Arbeit zu und wusste: Wir haben ein Problem. Der Entwickler hatte nicht unbedingt unrecht. Die Anwenderin auch nicht. Sie befanden sich nur in verschiedenen Wirklichkeiten.

Erst schauen, dann urteilen

Vielleicht hat mich deshalb die Phänomenologie immer angesprochen. Ihr Ausgangspunkt klingt fast banal: Bevor wir erklären, sollten wir möglichst genau hinschauen, was sich uns zeigt. Nicht sofort einordnen, nicht gleich eine Theorie darüberlegen, sondern das Phänomen zunächst ernst nehmen.

Auch in der Waldorfpädagogik begegnet einem diese Haltung immer wieder. Beobachten, beschreiben, Unterschiede wahrnehmen – und mit dem Urteil einen Augenblick warten. Das klingt einfach. Tatsächlich verlangt es eine erstaunliche Disziplin. Unser Gehirn ist nämlich schneller mit Erklärungen zur Stelle, als uns manchmal lieb sein kann.

Hartmut Rosas Unterscheidung zwischen situativem und konstellativem Handeln gibt dieser Erfahrung für mich noch einmal eine andere Sprache. Konstellativ betrachten wir die Dinge gewissermaßen von außen. Wir kennen Rollen, Regeln, Strukturen und Erfahrungen aus vergleichbaren Fällen. Wir ordnen ein. Situativ dagegen befinden wir uns in einer konkreten Wirklichkeit und müssen auf das reagieren, was uns dort begegnet.

Wir brauchen beides. Ohne Konstellationen könnten wir keinen Alltag bewältigen. Niemand kann jedes Problem persönlich untersuchen, jedes Land bereisen und jede Heizung unter jedem Schuldach besichtigen. Gefährlich wird es erst, wenn wir unsere Vorstellung von der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit selbst verwechseln.

Ich kenne solche Fälle

Vor einiger Zeit geriet ein mir nahestehender Mensch in einem anderen europäischen Land in eine schwierige Arbeits- und Lebenssituation. Ich bekam Nachrichten, wir telefonierten, ich kannte die äußeren Umstände. Eigentlich hätte ich daraus ein Urteil bilden können.

Aber mir genügte das nicht. Also flog ich hin.

Ich wollte die Wohnung sehen, die Umgebung erleben, die beteiligten Menschen kennenlernen und Gespräche führen. Vor allem wollte ich verstehen, wie dieser Mensch dort tatsächlich lebte. Danach war nicht plötzlich alles klar. Im Gegenteil: Ich wusste mehr – und manches erschien mir dadurch weniger eindeutig.

Genau das halte ich heute für wertvoll.

Aus der Entfernung entstehen schnell saubere Geschichten. Eine junge Frau, ein Arbeitgeber, Migration, wirtschaftliche Abhängigkeit: Schon stehen die passenden Begriffe bereit. Begriffe sind praktisch. Sie ersparen uns sogar das Flugticket. Nur besitzt die Wirklichkeit die lästige Angewohnheit, sich nicht zuverlässig an unsere Kategorien zu halten.

Menschen handeln anders, als ihre gesellschaftliche Rolle vermuten lässt. Menschen, die abhängig erscheinen, treffen eigenwillige Entscheidungen. Menschen mit Macht können verletzlich sein. Hilfe kann befreien und zugleich neue Abhängigkeiten schaffen. Gute Absichten können unerwartete Folgen haben. Wer hingeht, entdeckt häufig nicht die ersehnte eindeutige Wahrheit, sondern mehr Wirklichkeit.

Die Zäune in unseren Köpfen

Wir Menschen erkennen Konstellationen erstaunlich schnell: alt und jung, arm und wohlhabend, Mann und Frau, Europa und Asien, Chef und Mitarbeiter, Helfer und Hilfsbedürftiger. Solche Kategorien sind nicht falsch. Sie helfen uns, Machtverhältnisse und Risiken zu erkennen. Ohne sie wären wir naiv.

Aber aus Kategorien werden leicht Zäune. Wir sehen zwei oder drei Merkmale und glauben, den Rest der Geschichte bereits zu kennen. „Ich weiß, wie so etwas läuft.“ Dieser Satz beendet eine Untersuchung häufig genau dort, wo sie interessant werden könnte.

Vielleicht liegt hier eine Verbindung zwischen Phänomenologie und Rosas Denken. Die phänomenologische Haltung sagt: Schau noch einmal hin. Die Situation sagt: Es könnte anders sein, als du denkst. Und Rosas Resonanzbegriff fügt etwas Entscheidendes hinzu: Lass zu, dass dir die Welt antwortet.

Denn wer sich einer Situation aussetzt, riskiert etwas. Die Welt könnte sagen: Du irrst dich. Schau genauer hin. Dieser Mensch ist anders, als du dachtest. Deine gut gemeinte Lösung funktioniert nicht. Oder auch: Deine Sorge war berechtigt.

Nähe macht nicht unbedingt sicherer

Das Merkwürdige ist, dass unmittelbare Erfahrung uns nicht zwangsläufig sicherer macht. Häufig geschieht das Gegenteil. Wer eine Situation aus großer Entfernung betrachtet, kann erstaunlich entschieden urteilen. Wer mit den beteiligten Menschen spricht, ihre Umgebung kennenlernt und eine Weile mit ihnen lebt, kommt womöglich mit mehr Fragen zurück.

Ich halte das nicht für einen Mangel an Erkenntnis, sondern für einen Fortschritt.

Natürlich besitzt auch derjenige, der dabei war, nicht die Wahrheit. Auch ich sehe nur Ausschnitte. Ich bringe meine Erfahrungen, Wünsche und Vorurteile mit. Der Besucher erlebt eine andere Wirklichkeit als der Mensch, der dort jeden Morgen aufsteht und leben muss. Phänomenologie bedeutet deshalb nicht: „Ich habe es selbst gesehen, also weiß ich, wie es wirklich ist.“ Sie bedeutet eher: Ich nehme ernst, was mir begegnet, bevor ich es meiner Erklärung unterwerfe.

Vielleicht erklärt das auch, weshalb ich in Softwareprojekten immer zwischen Anwendern und Entwicklern hin- und herwandern wollte. Die Entwickler kannten den Code, die Anwender kannten ihren Alltag. Meine Aufgabe bestand nicht darin, zu entscheiden, welche Seite die Wirklichkeit besaß. Ich musste versuchen, beide Wirklichkeiten miteinander ins Gespräch zu bringen.

Die Welt darf mich überraschen

Je älter ich werde, desto mehr gefällt mir dieser Gedanke. Vielleicht müssen wir gar nicht ständig versuchen, die Welt endgültig zu verstehen. Vielleicht genügt es zunächst, ansprechbar für sie zu bleiben.

Das ist für mich auch das Optimistische an Rosas Resonanzgedanken. Die Welt ist nicht bloß ein Gegenstand, den wir analysieren, vermessen und beherrschen müssen. Sie kann uns begegnen. Menschen können uns überraschen. Orte können unsere Vorstellungen verändern. Eine Reise kann anders enden als geplant. Ein Gespräch kann einen festgefahrenen Gedanken lösen. Sogar eine kaputte Heizung unter einem Schuldach kann etwas über Führung lehren.

Vielleicht erklärt das manche Entscheidungen meines Lebens, über die sich andere gewundert haben. Warum fliegt jemand in ein anderes Land, wenn man doch telefonieren kann? Warum steigt ein Geschäftsführer mit dem Hausmeister unters Dach? Warum setzt sich ein Softwareentwickler neben die Anwender? Warum reist man überhaupt?

Für mich haben diese Fragen dieselbe Antwort: Ich muss hingehen.

Nicht überallhin. Das würde selbst im Ruhestand zeitlich schwierig. Und natürlich darf ich mir auch über Dinge Gedanken machen, die ich nicht selbst erlebt habe. Aber je weiter ich von einer Situation entfernt bin, desto vorsichtiger sollte ich mit meiner Gewissheit werden.

Und wenn mir etwas wirklich wichtig ist, möchte ich, wenn es irgend geht, hingehen, hinschauen, zuhören und mich der Möglichkeit aussetzen, dass die Wirklichkeit anders ist als meine Vorstellung von ihr.

Vielleicht ist das für mich der Kern von Phänomenologie, situativem Handeln und Resonanz – und inzwischen wohl auch eine Haltung zum Leben:

Ich brauche Vorstellungen, um mich in der Welt zu orientieren. Aber ich möchte der Welt jederzeit erlauben, mich eines Besseren zu belehren.

Das Schöne daran ist: Solange das geschieht, ist die Welt noch nicht fertig. Und ich auch nicht.

Zum Weiterlesen

Die Gedanken dieses Textes verdanke ich nicht nur meinen eigenen Erfahrungen. Besonders angeregt haben mich:

Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp, Berlin 2026.
Rosa fragt, was geschieht, wenn wir immer weniger in konkreten Situationen urteilen und handeln und stattdessen Regeln, Verfahren und Algorithmen vollziehen. Für meine Überlegungen war vor allem die Frage wichtig, was wir verlieren, wenn wir eine lebendige Situation auf eine beschreibbare Konstellation reduzieren.

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, Berlin 2016.
Rosas großes Buch über unsere Beziehung zur Welt. Resonanz bedeutet dabei nicht Harmonie, sondern eine Beziehung, in der uns etwas berührt, wir darauf antworten – und selbst verändert daraus hervorgehen. Für mich steckt darin ein schöner Gedanke: Wer der Welt begegnet, muss damit rechnen, dass sie widerspricht.

Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit. Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2018.
Der kürzere und sehr zugängliche Einstieg in Rosas Resonanzdenken. Nicht alles, was für uns bedeutsam ist, lässt sich planen, herstellen oder kontrollieren. Gerade die Begegnung mit dem Unerwarteten macht Welt lebendig.


English version below


I Need to Go and See for Myself

Some people have wondered why I want to see things for myself before forming an opinion. Looking back, I realise that this habit has followed me throughout my working life.

When I was running a school and the caretaker told me that the heating system in one of our buildings had broken down or needed replacing, I would climb up under the roof with him and have a look. Not because I knew much about heating systems, nor because I distrusted him. Quite the opposite: he knew far more about them than I did. But I wanted to see what we were talking about. The same was true of the school kitchen, the assembly hall or a classroom. Sometimes management simply means climbing a few stairs.

It was much the same during my years in software development. I wanted to sit with the developers and understand why a seemingly simple change would take three weeks. But I also wanted to sit beside the people who actually used our software every day. Sometimes a developer would give me a perfectly convincing explanation of why a particular feature was logical and elegantly designed. Then I would sit next to a user, watch her work for three minutes, and realise: we have a problem. The developer was not necessarily wrong. Neither was the user. They were simply experiencing different realities.

Look first, judge later

Perhaps that is why phenomenology has always appealed to me. Its starting point sounds almost trivial: before we explain something, we should try to look carefully at what actually appears before us. Do not immediately classify it. Do not instantly impose a theory on it. Take the phenomenon itself seriously first.

This attitude can also be found throughout Waldorf education: observe, describe, notice differences – and postpone judgement for a moment. It sounds simple. In practice, it requires remarkable discipline. Our brains tend to produce explanations rather faster than is sometimes good for us.

Hartmut Rosa’s distinction between acting in a situation and acting within a constellation gives me another language for this experience. In a constellation, we look at things from the outside. We know the roles, rules and structures involved, and perhaps we know similar cases from the past. We classify what we see. In a situation, by contrast, we find ourselves inside a concrete reality and have to respond to what actually happens.

We need both. Without constellations, everyday life would be impossible. We cannot investigate everything ourselves, travel to every country or personally inspect every heating system under every school roof. The danger begins when we confuse our model of reality with reality itself.

“I know how these things work”

Some time ago, a person close to me found herself in a difficult working and living situation in another European country. I received messages, we spoke on the phone, and I knew the external circumstances. I could easily have formed an opinion from a distance.

But that was not enough for me. So I flew there.

I wanted to see the apartment, experience the surroundings, meet the people involved and talk to them. Above all, I wanted to understand how this person was actually living. Afterwards, everything was not suddenly clear. Quite the opposite: I knew more, and that made some things less clear than before.

Today I consider that valuable.

From a distance, it is remarkably easy to construct neat stories. A young woman, an employer, migration, economic dependence – the categories are ready and waiting. Categories are convenient. They can even save us the price of an airline ticket. Unfortunately, reality has an irritating habit of refusing to behave according to our categories.

People act differently from what their social roles would lead us to expect. People who appear dependent make surprisingly independent choices. People with power can be vulnerable. Help can create freedom while also creating new forms of dependence. Good intentions can have unexpected consequences. Those who go and look for themselves do not necessarily discover the clear truth they were hoping for. They discover more reality.

The fences in our minds

We are astonishingly quick at recognising constellations: old and young, poor and wealthy, man and woman, Europe and Asia, boss and employee, helper and person in need.

Such categories are not wrong. They help us recognise power relations and risks. Without them, we would simply be naive.

But categories can easily become fences. We see two or three characteristics and think we already know the rest of the story. “I know how these things work.” That sentence often ends an investigation at precisely the point where it might have become interesting.

Perhaps this is where phenomenology and Rosa’s thinking meet. The phenomenological attitude says: Look again. The situation says: Things may be different from what you think. And Rosa’s idea of resonance adds something crucial: Allow the world to answer you.

Because when I expose myself to a situation, I take a risk. The world may tell me: You are wrong. Look more closely. This person is not who you thought they were. Your well-intentioned solution does not work.

Or it may say: Your concern was justified.

Closeness does not necessarily bring certainty

Strangely enough, direct experience does not necessarily make us more certain. Quite often, the opposite happens. Someone looking at a situation from a great distance can make remarkably confident judgements. Someone who speaks with the people involved, gets to know their surroundings and lives among them for a while may return with more questions than before.

I do not regard that as a failure of understanding. I regard it as progress.

Of course, being there does not give anyone possession of the truth. I too see only fragments. I bring my own experiences, wishes and prejudices with me. A visitor experiences a different reality from the person who wakes up there every morning and has to live in it. Phenomenology therefore does not mean: “I saw it with my own eyes, so I know what is really going on.” It means something more modest: I take seriously what I encounter before forcing it to fit my explanation.

Perhaps this also explains why, in software projects, I always wanted to move back and forth between users and developers. The developers knew the code; the users knew their daily work. My task was not to decide which side possessed reality. I had to help these two realities speak to each other.

Let the world surprise me

The older I get, the more I like this idea. Perhaps we do not need to understand the world once and for all. Perhaps it is enough, for a start, to remain open to being addressed by it.

For me, this is also the optimistic side of Rosa’s idea of resonance. The world is not merely an object to be analysed, measured and controlled. It can encounter us. People can surprise us. Places can change our ideas. A journey can end differently from what we planned. A conversation can loosen a thought that had become stuck. Even a broken heating system under a school roof can teach us something about leadership.

Perhaps this explains some of the decisions in my life that have puzzled other people. Why fly to another country when you could simply make a phone call? Why should a managing director climb up under the roof with the caretaker? Why should a software developer sit beside the users? Why travel at all?

For me, these questions have the same answer: I need to go and see for myself.

Not everywhere, of course. Even in retirement, there are limits to the available time. And naturally, I am allowed to think about things I have not personally experienced. But the further away I am from a situation, the more cautious I should be about my certainty.

And when something really matters to me, I want, whenever possible, to go there, look, listen and expose myself to the possibility that reality may be different from my idea of it.

Perhaps that is, for me, the essence of phenomenology, situational action and resonance – and by now, perhaps, an attitude towards life:

I need ideas and concepts to find my way through the world. But I want to give the world the chance, at any moment, to prove me wrong.

The good thing is that as long as this keeps happening, the world is not finished.

And neither am I.

Further Reading

The thoughts in this essay owe something not only to my own experiences, but also to books that have helped me find words for them.

Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden der Spielräume. Suhrkamp, Berlin, 2026.
The publisher uses the English title Situation and Constellation: On the Disappearance of Human Agency. Rosa asks what happens when we increasingly cease to exercise judgement in concrete situations and instead execute rules, procedures and predetermined processes. What interested me most was his question of what we lose when we reduce a living situation to a describable constellation.

Hartmut Rosa: Resonance: A Sociology of Our Relationship to the World. Translated by James C. Wagner. Polity, 2019.
Rosa’s major work on our relationship with the world. Resonance does not mean harmony. It describes a relationship in which something touches or addresses us, we respond to it, and neither side necessarily remains unchanged. For me, it contains a wonderful thought: when we genuinely encounter the world, we must allow for the possibility that it will contradict us.

Hartmut Rosa: The Uncontrollability of the World. Translated by James C. Wagner. Polity, 2020.
A shorter and very accessible introduction to Rosa’s thinking about resonance and our modern desire to make the world controllable. Not everything that matters to us can be planned, produced or controlled. It is often our encounter with the unexpected that makes the world feel alive.