Die Freiheit, verloren zu sein
Über kulturelle Unterschiede, unsere Geschichten und die Kunst, einander zu verstehen
In Nepal bin ich ein Fremder. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mich dort zu Hause fühle.
Ich darf Fragen stellen, gesellschaftliche Regeln übersehen und mich gründlich blamieren. Die Menschen lächeln. Manchmal lachen sie. Dann lache ich mit, sofern ich verstanden habe, was ich falsch gemacht habe.
Niemand erwartet, dass ich mich wie ein Nepali verhalte.
Das ist eine wunderbare Freiheit.
Doch Freiheit beginnt für mich noch an anderer Stelle: wenn vertraute Gewissheiten wanken und ich sie aufgeben darf, ohne deshalb meine Zugehörigkeit zu verlieren.
Wenn ein Ja kein Versprechen ist
Stellen wir uns eine alltägliche Begegnung in Kathmandu vor.
Zwei Menschen verabreden sich. Einer fragt: „Kommst du morgen?“ Der andere lächelt und sagt Ja.
Am nächsten Tag wartet der Erste vergeblich.
Er ärgert sich. Für ihn war das Ja ein Versprechen.
Der andere wollte womöglich nur vermeiden, sein Gegenüber mit einem Nein zu enttäuschen. Vielleicht kam auch eine familiäre Verpflichtung dazwischen, die er höher gewichtete als die Verabredung.
Der eine hält sich für zuverlässig und den anderen für unzuverlässig. Der andere versteht sich als rücksichtsvoll und familiär verpflichtet.
Beide handeln nach Vorstellungen, die ihnen selbstverständlich erscheinen.
Solche Unterschiede begegnen mir in Nepal. Aber auch in Deutschland und Malta. Sie verlaufen nicht entlang von Landesgrenzen. Generation, Herkunft, Bildung und soziale Stellung prägen unser Selbstverständnis ebenso.
Zwei Menschen aus demselben Dorf können in völlig verschiedenen geistigen Welten leben.
Wer bin ich?
Vor Kurzem hörte ich ein Gespräch zwischen Gert Scobel und dem Philosophen Michael Hampe.
Hampe beschäftigt sich mit einer verblüffenden Frage: Sind unser Selbst, unser Wille und unsere Identität tatsächlich jene festen Größen, für die wir sie halten?
Er verweist auf den Philosophen Ian Hacking. Dieser untersuchte, wie Menschen sich durch ihre Selbstbeschreibungen verändern. Er nannte das den Looping-Effekt.
Wer sich als unabhängig versteht, trifft womöglich Entscheidungen, um seine Unabhängigkeit zu beweisen. Selbst dann, wenn er sich damit schadet.
Wer sich als pflichtbewusste Tochter versteht, stellt vielleicht die Wünsche ihrer Familie über ihre eigenen.
Das Verhalten bestätigt die Selbstbeschreibung. Die Selbstbeschreibung verstärkt das Verhalten.
So entstehen Gewohnheiten, Erwartungen und manchmal Gefängnisse.
In Nepal begegne ich häufig Menschen, die sich stark über familiäre Bindungen verstehen. In Deutschland höre ich öfter, jeder müsse seinen eigenen Weg gehen.
Beides kann befreien. Beides kann einengen.
Eine Familie kann Geborgenheit schenken oder Freiheit beschneiden. Unabhängigkeit kann neue Möglichkeiten eröffnen oder in Einsamkeit münden.
Entscheidend ist nicht, welche Selbstbeschreibung die richtige ist. Entscheidend ist, ob wir sie hinterfragen dürfen.
Die Freiheit, anders zu denken
Besonders schätze ich Gespräche mit Menschen, die feste Überzeugungen besitzen und zugleich offen für andere Gedanken bleiben.
Wir können über Religion, Wissenschaft oder Politik streiten, ohne unsere Beziehung zu gefährden.
Niemand muss gewinnen.
Wir dürfen uns gegenseitig verunsichern.
Das unterscheidet solche Begegnungen von Gesprächen, in denen eine Überzeugung untrennbar mit der eigenen Identität verbunden ist.
Wer meine Meinung kritisiert, greift dann scheinbar mich selbst an.
Das kann innerhalb einer Familie geschehen, in einer religiösen Gemeinschaft oder unter Menschen, die dieselbe politische Überzeugung teilen.
Der Konflikt entsteht nicht aus kultureller Fremdheit, sondern aus der Angst, vertrauten Halt zu verlieren.
Doch auch Offenheit kann zur Selbstbeschreibung werden, an der wir festhalten. Wer sich für besonders tolerant hält, reagiert mitunter erstaunlich intolerant auf Menschen, die ihre Überzeugungen nicht hinterfragen möchten.
Diese Falle kenne ich.
Die Freiheit, die mir ein anderer Mensch schenken kann, besteht nicht nur darin, anders zu denken als er. Sondern anders denken zu dürfen als ich selbst bisher gedacht habe.
Unser Gehirn liebt einfache Geschichten
Gerade lese ich Daniel Kahnemans Schnelles Denken, langsames Denken.
Kahneman beschreibt, wie unser schnelles Denken aus wenigen Eindrücken ein fertiges Urteil formt. Unser langsames Denken könnte es überprüfen – doch wir meiden gern die Anstrengung.
Jemand enttäuscht mich. Schon kenne ich seine Motive.
Undankbar. Rücksichtslos. Unzuverlässig.
Dabei kenne ich vielleicht nur sein Verhalten, nicht dessen Gründe.
Mein Gehirn schließt die Lücken mit einer Geschichte, die zu meinen Erwartungen passt.
Drei Fragen können helfen: Was habe ich tatsächlich beobachtet? Welche andere Erklärung wäre möglich? Und warum frage ich mein Gegenüber nicht einfach?
Verstehen bedeutet allerdings nicht, alles zu entschuldigen. Lügen, Ausbeutung oder Gewalt werden nicht dadurch harmlos, dass wir ihren kulturellen oder biografischen Hintergrund begreifen.
Unsere Grenzen dürfen bleiben. Unsere Urteile sollten wir prüfen.
Shiva und die Geschichten seines Landes
Ich denke an Shiva, einen jungen Journalisten aus Nepal. Er ist dreißig und steht am Anfang seiner Laufbahn als Geschichtenerzähler.
Eine wunderbare Aufgabe. Und eine gefährliche.
Denn Geschichten bilden die Wirklichkeit nicht einfach ab. Sie wählen aus, ordnen und verleihen Ereignissen Bedeutung.
Eine junge Nepalesin möchte im Ausland studieren.
Ist sie eine mutige Frau, die ihre Freiheit sucht? Eine Tochter, die familiäre Erwartungen enttäuscht? Oder ein Mensch, der versucht, persönliche Wünsche und gesellschaftliche Verpflichtungen zu vereinbaren?
Dieselben Tatsachen können unterschiedliche Geschichten tragen.
Ein guter Journalist muss deshalb zuhören, Aussagen überprüfen, weitere Perspektiven suchen und sich fragen, was seine Auswahl verschweigt.
Vor allem darf er die Menschen nicht mit den Rollen verwechseln, die er ihnen in seiner Geschichte zuweist.
Ich würde Shiva gern eine Frage mitgeben:
Welche Geschichte müsste ich aufgeben, um diesen Menschen besser verstehen zu können?
Diese Frage stellt sich nicht nur Journalisten.
Sie stellt sich jedem, der anderen Menschen nahekommen möchte.
Verloren und befreit
Fremde Gedankenwelten können verwirren – oder befreien.
Ich kenne beide Erfahrungen.
In Nepal entdecke ich immer wieder, dass meine vertrauten Vorstellungen von Freiheit, Ehrlichkeit und Verantwortung keineswegs universell gelten.
Das macht mich neugierig. Manchmal verunsichert es mich.
Ich habe vierzig Jahre in der Informatik gearbeitet und später eine Schule geleitet. Ich suchte nach Ursachen, entwickelte Lösungen und traf Entscheidungen.
Ich handle.
Doch nicht jedes menschliche Problem lässt sich lösen. Nicht jede Entscheidung liegt in meiner Hand. Und nicht jeder Mensch möchte den Weg gehen, den ich für richtig halte.
Die buddhistische Philosophie erinnert mich daran, dass auch mein Selbstbild keine unveränderliche Wahrheit ist.
Ich darf Verantwortung übernehmen, ohne alles kontrollieren zu müssen.
Ich darf Überzeugungen besitzen, ohne an ihnen festzuhalten.
Ich werde bald siebzig. Ich hatte genügend Zeit, die Menschen und die Welt zu verstehen.
Das Ergebnis ist ernüchternd.
Je mehr ich erfahre, desto weniger Gewissheiten bleiben mir.
Aber zunehmend empfinde ich das als Gewinn.
Vielleicht beginnt Freiheit dort, wo wir unsere vertrauten Geschichten hinterfragen dürfen, ohne die Zugehörigkeit zu verlieren.
Und vielleicht liegt darin das größte Geschenk menschlicher Beziehungen: Wir müssen nicht bleiben, wer wir waren.
Wir dürfen einander verändern.
Ohne einander zu verlieren.
English version below
The Freedom to Feel Lost
About cultural differences, the stories we tell ourselves, and the art of understanding each other
In Nepal, I am a foreigner. And that is one of the reasons why I feel at home there.
I can ask questions, misunderstand social rules, and sometimes make a complete fool of myself. People smile. Sometimes they laugh. And I laugh with them, provided I understand what I did wrong.
Nobody expects me to behave like a Nepali.
That gives me a wonderful sense of freedom.
But freedom means something more to me. It begins when I can question beliefs I have always taken for granted, without being afraid of losing the people I belong to.
When „Yes“ Is Not a Promise
Imagine an everyday situation in Kathmandu.
Two people make a plan. One asks, „Will you come tomorrow?“ The other smiles and says yes.
The next day, the first person waits. But the other never arrives.
He gets angry. For him, saying yes was a promise.
But the other person may simply have wanted to avoid disappointing him by saying no. Or perhaps a family responsibility came up that seemed more important than their meeting.
One person sees himself as reliable and the other as unreliable. The second person may see himself as considerate and responsible towards his family.
Both follow ideas about themselves that seem completely natural to them.
I experience such differences in Nepal. But I also see them in Germany and Malta. They do not simply follow national borders. Our generation, family background, education, and position in society also shape how we see ourselves.
Two people from the same village can live in completely different worlds of thought.
Who Am I?
Recently, I listened to a conversation between Gert Scobel and the philosopher Michael Hampe.
Hampe asks a surprising question: Are our self, our will, and our identity really as fixed and permanent as we believe?
He refers to another philosopher, Ian Hacking, who studied how people change through the way they describe themselves. Hacking called this the looping effect.
Someone who sees himself as independent may make decisions simply to prove his independence, even when those decisions harm him.
Someone who sees herself as a responsible daughter may put her family’s wishes before her own.
Their behaviour confirms their self-image. And their self-image encourages the same behaviour again.
This is how habits and expectations develop. Sometimes they become prisons.
In Nepal, I often meet people who strongly connect their identity with family relationships and responsibilities. In Germany, I more often hear that everyone should find their own path in life.
Both ways of thinking can create freedom. Both can also limit it.
A family can provide love and security. But it can also restrict personal freedom. Independence can open new opportunities. But it can also lead to loneliness.
The important question is not which way of seeing ourselves is correct.
The important question is whether we are free to question it.
The Freedom to Think Differently
I especially enjoy conversations with people who have strong beliefs but remain open to other ideas.
We can disagree about religion, science, or politics without putting our relationship at risk.
Nobody needs to win.
We can challenge each other’s ideas.
This is very different from conversations in which people see their beliefs as an essential part of who they are.
When that happens, questioning an opinion can feel like attacking the person.
This can happen within families, religious communities, or groups of people who share the same political beliefs.
The conflict does not necessarily come from cultural differences. It may come from the fear of losing something that gives us security and a sense of belonging.
But even openness can become something we are too attached to. People who consider themselves very tolerant sometimes react surprisingly badly when others refuse to question their beliefs.
I know this problem from my own experience.
The freedom another person can give me is not only the freedom to think differently from them. It is also the freedom to think differently from the person I used to be.
Our Brains Love Simple Stories
I am currently reading Daniel Kahneman’s book Thinking, Fast and Slow.
Kahneman explains how our fast thinking quickly forms judgments based on very little information. Our slower, more careful thinking could question those judgments. But thinking carefully takes effort, and we often try to avoid that effort.
Someone disappoints me. Immediately, I believe I know why.
Ungrateful. Selfish. Unreliable.
But perhaps I only know what the person did, not why they did it.
My brain fills the gaps with a story that fits my expectations.
Three questions can help: What did I actually observe? Could there be another explanation? And why don’t I simply ask the other person?
Understanding someone does not mean accepting everything they do. Lies, exploitation, and violence do not become acceptable just because we understand the cultural or personal reasons behind them.
We can keep our personal boundaries while questioning our judgments.
Shiva and the Stories of His Country
I often think about Shiva, a young journalist from Nepal. He is thirty years old and is beginning his career as a storyteller.
It is a wonderful profession. But it also brings great responsibility.
Stories do not simply show reality. They select events, organise them, and give them meaning.
Imagine a young Nepali woman who wants to study abroad.
Is she a brave woman looking for freedom? A daughter who disappoints her family’s expectations? Or someone trying to balance her personal dreams with her responsibilities towards others?
The same facts can become very different stories.
A good journalist must therefore listen carefully, check facts, look for different perspectives, and ask what important information has been left out.
Most importantly, he must not confuse real people with the roles he gives them in his stories.
I would like to ask Shiva one question:
Which story would I need to let go of to understand this person better?
This question is not only important for journalists.
It matters to everyone who wants to build close relationships with other people.
Feeling Lost and Finding Freedom
Different ways of thinking can confuse us. But they can also set us free.
I have experienced both.
In Nepal, I keep discovering that my familiar ideas about freedom, honesty, and responsibility are not shared by everyone.
This makes me curious. Sometimes it also makes me feel uncertain.
I worked in information technology for forty years and later managed a school. I looked for causes, developed solutions, and made decisions.
I take action.
But not every human problem can be solved. Not every decision is under my control. And not everyone wants to follow the path I believe is right.
Buddhist philosophy reminds me that even my idea of who I am is not a permanent truth.
I can take responsibility without needing to control everything.
I can have strong beliefs without holding on to them too tightly.
I will soon turn seventy. I have had plenty of time to understand people and the world.
The result is rather disappointing.
The more I learn, the fewer things I feel completely certain about.
But increasingly, I see this as something positive.
Perhaps freedom begins when we can question the stories we have always believed about ourselves, without losing our sense of belonging.
And perhaps this is the greatest gift we can give each other in our relationships:
We do not have to remain the people we used to be.
We can help each other grow and change.
Without losing each other.