Der Bücherbus – Tor zur Welt
Ein Donnerstagnachmittag im Jahr 1970. Vom Fenster meines Kinderzimmers aus sehe ich den Bücherbus. Seit einigen Wochen steht er dort, immer donnerstags, in der Stettiner Straße in Münster. Nur wenige Menschen gehen hinein, vor allem Erwachsene. Was mag es dort wohl geben?
Ich bin gerade vierzehn Jahre alt und irgendwie anders als meine Klassenkameraden. Mich beschäftigen Fragen, auf die ich keine Antworten finde. Warum bin ich hier? Warum ausgerechnet in dieser Familie? Warum fühle ich mich manchmal, als gehörte ich nicht dazu? Warum erfinde ich Geschichten über meinen Stiefvater, wenn ich mit anderen spreche?
Da sind Bettina, die eine Etage unter uns wohnt, und die beiden Schwestern aus dem Nachbarhaus. Uschi heißt die eine. Den Namen der anderen habe ich vergessen. Uschi ist die Hübschere von beiden. Bettina ist eigentlich noch ein wenig zu jung für uns, aber gerade sie hat es faustdick hinter den Ohren. Im Sommer spielen wir Federball auf der Wiese hinter dem Haus. Das sehen auch die Erwachsenen. Was sie nicht sehen: Manchmal treffen wir uns heimlich im Kohlenkeller, trinken Orangen- oder Zitronensprudel, den wir aus unserem Vorratskeller geschmuggelt haben. Wir küssen uns. Wir entdecken einander und uns selbst.
Meine Klassenkameraden interessieren sich scheinbar für ganz andere Dinge. Einer schwärmt für Jimi Hendrix. Ich weiß nur, dass dieser Gitarrist auf der Bühne seine Instrumente zerstört. Was soll das? Auch mit seiner Musik kann ich wenig anfangen. Pink Floyd dagegen gefallen mir. Und Genesis. Diese Musik ist anders als das, was sonst im Radio läuft. Manchmal verstehe ich sie nicht, aber ich höre trotzdem weiter.
Und dann ist da dieser Bücherbus.
Jeden Donnerstag steht er vor unserem Haus. Ein wenig geheimnisvoll, fast wie eine Einladung. Wochenlang beobachte ich ihn vom Fenster aus. Ich weiß nicht mehr, was mich schließlich dazu bringt, hineinzugehen. Vielleicht die Neugier. Vielleicht die Langeweile. Vielleicht einfach der Wunsch, herauszufinden, was sich hinter dieser Tür verbirgt.
Die Erwachsenen im Bücherbus sind freundlich. Sie fragen mich, was mich interessiert, zeigen mir Bücher und Schallplatten, erklären mir, wie ich sie ausleihen kann. Niemand wundert sich über meine Fragen. Ich fühle mich auf Anhieb wohl.
Und plötzlich steht mir die Welt offen.
Tausendundeine Nacht. Indien. Die Antillen. Der Himalaya. Paris und London. Länder, von denen ich kaum mehr als die Namen kenne. Menschen, die anders leben, anders denken, anders glauben. Geschichten voller Geheimnisse, Abenteuer und Sehnsucht. Ich lese von Wüsten und Meeren, von fremden Städten, von Menschen, die vor Jahrhunderten gelebt haben, und anderen, die irgendwo auf der Welt gerade jetzt leben.
Besonders faszinieren mich die Schallplatten. Musik aus Venezuela, Brasilien, von den Antillen. Und Ravi Shankar aus Indien.
Was ist das für eine Musik? Diese fremden Tonfolgen, diese Instrumente, diese Rhythmen! Manchmal ist sie kaum auszuhalten, so ungewohnt klingt sie in meinen Ohren. Und trotzdem höre ich weiter. Wieder und wieder. Da ist etwas, das ich nicht verstehe und das mich gerade deshalb nicht loslässt.
Menschen wie du und ich. Und doch leben sie in einer Welt, die mir vollkommen fremd ist. Sie sprechen mit ihren Göttern durch ihre Musik. Jedenfalls stelle ich mir das so vor. Vielleicht erzählen sie auch nur von ihrem Leben, ihren Freuden und ihrer Trauer. Ich weiß es nicht. Aber ich möchte es wissen.
Zu Hause höre ich die ausgeliehenen Schallplatten auf meinem eigenen Plattenspieler. Ravi Shankar. Musik aus Brasilien, Venezuela oder von den Antillen. Manche höre ich immer wieder, so fremd sind mir ihre Klänge. Ich lese von Indien, vom Himalaya, von fernen Inseln und fremden Städten. Wie mögen die Menschen dort leben? Wie sehen ihre Häuser aus, ihre Straßen, ihre Märkte? Wie riecht es dort? Was essen sie? Worüber lachen sie? Was erzählen sie einander am Abend?
Ich stelle mir Tempel vor, deren Türme aus dichtem Grün aufragen, geschäftige Straßen voller Menschen, Frauen in bunten Gewändern, Männer mit Turbanen. Ich höre Stimmen in Sprachen, von denen ich kein einziges Wort verstehe. Irgendwo schlagen Glocken. Räucherstäbchen glimmen. Kinder spielen auf staubigen Straßen. In der Ferne erheben sich schneebedeckte Berge.
Abends, wenn ich allein in meinem Bett liege, schließe ich die Augen. Dann beginnen meine Reisen. Ich brauche weder Bücher noch Musik. In meiner Fantasie durchquere ich Wüsten, besteige die höchsten Berge, kämpfe mich durch undurchdringliche Urwälder und segle über unbekannte Meere. Ich begegne fremden Menschen, gerate in Gefahren und bestehe Abenteuer, wie sie kein Reiseveranstalter je anbieten könnte. Manchmal bin ich ein Entdecker, manchmal ein Abenteurer, manchmal einfach ein Junge, der sich irgendwo auf der anderen Seite der Erde wiederfindet.
Niemand weiß, wohin ich nachts reise. Niemand kennt die Abenteuer, die ich erlebe. Und niemand kann mir sagen, was dort möglich ist und was nicht.
Niemand zu Hause versteht so recht, was mich an diesen Büchern und Schallplatten fasziniert. Aber ich brauche auch niemanden, der es versteht.
Dort draußen gibt es weit mehr als die Stettiner Straße in Münster. Mehr als den Campingplatz am Gardasee, auf dem wir einmal im Jahr unsere Ferien verbringen. Mehr als die Besuche bei Freunden meiner Eltern, bei Oma und Opa. Und weit mehr als alles, was mir die Lehrer in der Schule erzählen.
Jeden Donnerstag gehe ich wieder zum Bücherbus. Ich bringe Bücher und Schallplatten zurück und nehme neue mit. Manchmal weiß ich schon, wonach ich suche. Meistens nicht. Dann wandere ich zwischen den Regalen umher, ziehe ein Buch heraus, betrachte den Umschlag, lese die ersten Zeilen. Oder ich entdecke eine Schallplatte, deren Hülle mich neugierig macht. Ein fremder Name. Ein unbekanntes Instrument. Ein Gesicht, das mich ansieht.
Manche Bücher lese ich bis tief in die Nacht. Andere lege ich nach wenigen Seiten beiseite. Manche Schallplatten höre ich nur einmal, andere immer wieder, bis ich die Melodien beinahe auswendig kenne. Und manchmal finde ich etwas, nach dem ich gar nicht gesucht habe.
Ich muss nicht nach Indien reisen, um mir Indien vorzustellen. Ich brauche keinen Film über den Himalaya, um von seinen Bergen zu träumen. Ein paar Sätze genügen, eine Melodie, der Klang eines unbekannten Instruments.
Den Rest füge ich selbst hinzu.
Und abends liege ich in meinem Bett, schließe die Augen und träume von den wildesten Abenteuern an den entferntesten Orten der Erde.
Wohin die Reise geht, entscheide ich selbst.
English version below
The Bookmobile – A Gateway to the World
A Thursday afternoon in 1970. From my bedroom window, I can see the bookmobile. For several weeks now, it has been coming to Stettiner Straße in Münster every Thursday. Only a few people go inside, mostly adults. I wonder what they find in there.
I’m just fourteen years old, and somehow I feel different from my classmates. I’m troubled by questions I can’t find answers to. Why am I here? Why was I born into this particular family? Why do I sometimes feel as though I don’t belong? Why do I make up stories about my stepfather when I talk to other people?
There’s Bettina, who lives one floor below us, and the two sisters from the house next door. One of them is called Uschi. Sadly, I’ve forgotten the other one’s name. Uschi is the prettier of the two. Bettina is actually a little too young for us, but she’s the most mischievous of all. In summer, we play badminton on the grass behind our house. That’s what the adults see. What they don’t see is that we sometimes meet secretly in the coal cellar, drinking orange or lemon soda we’ve sneaked out of our family’s storage room. We kiss. We discover each other, and ourselves.
My classmates seem to be interested in completely different things. One of them is crazy about Jimi Hendrix. All I know is that this guitarist destroys his instruments on stage. What’s the point of that? I don’t particularly like his music either. Pink Floyd, on the other hand, I enjoy. And Genesis. Their music is different from what you usually hear on the radio. Sometimes I don’t understand it, but I keep listening anyway.
And then there’s that bookmobile.
Every Thursday, it parks outside our house. There’s something mysterious about it, almost as if it’s inviting me in. For weeks, I watch it from my window. I no longer remember what finally makes me go inside. Perhaps curiosity. Perhaps boredom. Perhaps simply the desire to find out what’s behind that door.
The adults working in the bookmobile are friendly. They ask what I’m interested in, show me books and records, and explain how I can borrow them. Nobody seems surprised by my questions. I feel at home immediately.
And suddenly, the whole world opens up to me.
One Thousand and One Nights. India. The Caribbean islands. The Himalayas. Paris and London. Places I know little more about than their names. People who live differently, think differently, believe in different things. Stories full of mysteries, adventures and longing. I read about deserts and oceans, distant cities, people who lived centuries ago, and others who are living somewhere in the world right now.
I’m particularly fascinated by the records. Music from Venezuela, Brazil, the Caribbean islands. And Ravi Shankar from India.
What kind of music is this? These unfamiliar melodies, these instruments, these rhythms! Sometimes I can barely stand listening to it, so strange does it sound to my ears. And yet I keep listening. Again and again. There’s something about it that I don’t understand, and perhaps that’s exactly why I can’t let it go.
People just like you and me. And yet they live in a world completely unfamiliar to me. Through their music, they speak to their gods. At least, that’s how I imagine it. Perhaps they’re simply telling stories about their lives, their joys and their sorrows. I don’t know. But I want to find out.
At home, I play the borrowed records on my own record player. Ravi Shankar. Music from Brazil, Venezuela or the Caribbean. Some records I listen to over and over again, fascinated by how unfamiliar they sound. I read about India, the Himalayas, distant islands and foreign cities. How do people live there? What do their houses look like, their streets, their markets? What does the air smell like? What do they eat? What makes them laugh? What stories do they tell each other in the evening?
I imagine temples rising out of dense green forests, busy streets crowded with people, women in colourful clothes, men wearing turbans. I hear voices speaking languages of which I understand not a single word. Somewhere, bells are ringing. Incense sticks are burning. Children are playing in dusty streets. In the distance, snow-covered mountains rise into the sky.
In the evenings, when I’m lying alone in bed, I close my eyes. That’s when my journeys begin. I no longer need books or music. In my imagination, I cross deserts, climb the highest mountains, fight my way through impenetrable jungles and sail across unknown seas. I meet strangers, find myself in danger and survive adventures that no travel company could ever offer. Sometimes I’m an explorer, sometimes an adventurer, and sometimes simply a boy who finds himself somewhere on the other side of the world.
Nobody knows where I travel at night. Nobody knows the adventures I experience. And nobody can tell me what is possible there and what isn’t.
Nobody at home really understands what fascinates me so much about these books and records. But I don’t need anyone to understand.
Out there, there’s so much more than Stettiner Straße in Münster. More than the campsite at Lake Garda where we spend our holidays once a year. More than visiting my parents‘ friends or my grandparents. And far more than anything my teachers tell me at school.
Every Thursday, I return to the bookmobile. I bring back books and records and borrow new ones. Sometimes I already know what I’m looking for. Most of the time, I don’t. I wander between the shelves, pull out a book, look at its cover and read the first few lines. Or I discover a record whose sleeve catches my attention. An unfamiliar name. An instrument I’ve never heard of. A face looking back at me.
Some books keep me reading late into the night. Others I put aside after just a few pages. Some records I listen to only once, others again and again until I almost know the melodies by heart. And sometimes I discover something I wasn’t even looking for.
I don’t have to travel to India to imagine India. I don’t need a film about the Himalayas to dream of those mountains. A few sentences are enough. A melody. The sound of an unfamiliar instrument.
My imagination takes care of the rest.
And in the evening, I lie in bed, close my eyes and dream of the wildest adventures in the most distant corners of the earth.
Where the journey takes me is entirely up to me.