Die anderen werden schon wissen, warum
Warum wir lieber glauben als denken
Heute Morgen schickt mir ein nepalesischer Freund ein Video. Junge, vermummte Männer plündern einen Supermarkt. Angeblich in Paris. Sie greifen in die Regale, schleppen Waren davon. Einer läuft voran, andere folgen.
Wir erinnern uns an die Gen-Z-Proteste in Nepal im September 2025. Tausende junge Menschen gingen gegen Korruption und die Sperrung sozialer Medien auf die Straße. Später brannten Gebäude, Geschäfte wurden geplündert, Menschen starben.
Ich schreibe: „Ja, so benehmen wir uns im Rudel. Allein würden sich viele das niemals trauen.“
Nachricht abgeschickt. Fall erledigt.
Oder?
Ich kenne keinen der Männer. Weiß nicht einmal, ob das Video tatsächlich aus Paris stammt. Trotzdem habe ich binnen Sekunden eine Erklärung geliefert.
Mein Gehirn arbeitet tadellos. Leider.
Der Löwe im Gebüsch
Daniel Kahneman hätte vermutlich geschmunzelt.
Der Psychologe beschreibt in seinem Buch Schnelles Denken, langsames Denken, wie unser Kopf Urteile produziert. Schnell, mühelos und oft falsch.
Das war einmal ausgesprochen nützlich.
Wer in der Savanne erst untersuchte, ob im Gebüsch ein Löwe saß, konnte seine wissenschaftliche Arbeit womöglich nicht mehr abschließen.
Also entwickelten wir ein Talent: erst reagieren, dann nachdenken.
Kahneman nennt es System 1. Sein System 2 könnte das Urteil überprüfen. Doch dafür muss es arbeiten. Und Arbeit vermeiden wir gern.
Das erklärt nicht nur manche Plünderung, sondern auch manchen Kommentar im Internet.
Die Weisheit der Roben
In Nepal begegnen mir häufig buddhistische Mönche. Rote Roben, rasierte Köpfe, freundliche Gesichter. Sie sprechen ruhig über Mitgefühl und Vergänglichkeit.
Die Menschen hören zu. Ich auch.
Manche beeindrucken mich durch ihre Klugheit. Andere haben auf jede Frage einen passenden Lehrsatz. Das klingt wunderbar. Nur weiß ich nicht, ob sie ihn gründlich durchdacht oder bloß oft genug wiederholt haben.
Ähnlich geht es mir mit Priestern, Gurus und anderen spirituellen Würdenträgern.
Ihre Institutionen bewahren Wissen, bilden Menschen aus und leisten wertvolle Arbeit. Doch ein Amt verleiht noch keine Weisheit.
Autorität bekommt man von anderen. Weisheit muss man selbst entwickeln.
Eine ruhige Stimme beweist nichts. Ein freundliches Lächeln ersetzt kein Argument. Und wer ständig predigt, wir sollten unser Ego überwinden, könnte gelegentlich bei seinem eigenen anfangen.
Ausgerechnet Buddha wird im Kālāma-Sutta eine Warnung vor blindem Vertrauen zugeschrieben: Übernehmt Lehren nicht allein wegen ihrer Tradition oder der Autorität ihrer Vertreter. Prüft sie und ihre Folgen.
Vielleicht wäre er heute ein ziemlich unbequemer Gast in manchem Kloster.
Vier Wörter reichen
„Make America Great Again.“
Vier Wörter. Ein Versprechen. Eine ganze politische Bewegung.
Wann war Amerika groß? Für wen? Und wer hat es klein gemacht?
Die Parole schweigt. Das Publikum jubelt.
Natürlich arbeiten auch andere Politiker mit Gefühlen. „Yes We Can“ war ebenfalls kein Regierungsprogramm. Politische Begeisterung braucht keine Fußnoten.
Aber irgendwann sollten Fragen folgen.
Was genau wird versprochen? Wem nützt es? Was kostet es?
Wer solche Fragen stellt, stört manchmal die Stimmung. Die Anhänger wollen Hoffnung. Der Fragende verlangt Zahlen.
Das macht ihn nicht unbedingt beliebt.
Im Internet gewinnt er damit ebenfalls selten einen Preis. Dort zählt, was Aufmerksamkeit erregt. Wir klicken, teilen und wiederholen.
Psychologen kennen den Wahrheitseffekt: Was wir oft hören, erscheint uns glaubwürdiger. Selbst dann, wenn es falsch ist.
Russland böse. China gefährlich. Elektroautos unbrauchbar. Künstliche Intelligenz unser Untergang.
Oder genau umgekehrt.
Millionen Menschen können nicht irren?
Doch. Die Menschheitsgeschichte liefert reichlich Anschauungsmaterial.
Der Mann, der den Abend verdirbt
Eine gesellige Runde. Wein auf dem Tisch. Jemand erklärt die Welt. Alle nicken.
Dann fragt einer: „Woher weißt du das?“
Stille.
Der Wein schmeckt plötzlich weniger gut.
Ich kenne diesen Mann. Manchmal bin ich es selbst.
Ich lese, denke, schreibe, verwerfe meine Gedanken und fange wieder an. Das kann anstrengend werden. Für mich und für andere.
Heute nennt man solche Menschen gern Overthinker. Als wäre Denken eine bedauerliche Angewohnheit.
Natürlich kann man sich auch zu Tode grübeln. Grübeln dreht sich im Kreis. Nachdenken sollte irgendwann weiterführen.
Doch wer ständig nachfragt, riskiert seinen Platz in der gemütlichen Runde. Zustimmung verbindet. Zweifel macht Arbeit.
Vielleicht schreiben manche Menschen deshalb lieber, als auf Partys zu gehen. Papier widerspricht nicht. Jedenfalls nicht sofort.
Allerdings wäre es töricht, daraus eine Überlegenheit abzuleiten. Es gibt kluge Partylöwen und dumme Einsiedler. Manche Menschen denken jahrelang nach und kommen doch nie auf einen neuen Gedanken.
Auch das kenne ich.
Der neue Besserwisser
Jetzt haben wir künstliche Intelligenz.
Ich stelle eine Frage. Sekunden später erscheint eine Antwort. Klar, elegant, überzeugend.
Das ist großartig. Und verdächtig.
Denn die Maschine kann mir auch hervorragend erklären, warum ich recht habe. Das tut sie oft so angenehm, dass ich sie beinahe für weise halte.
Ein digitaler Guru. Ohne Robe, dafür mit erstaunlich guter Grammatik.
Ich kann sie allerdings auch bitten, meine Gedanken zu zerlegen. Gegenargumente zu suchen. Meine Vorurteile aufzuspüren.
Dann macht sie mir weniger Freude. Aber vielleicht hilft sie mir mehr.
Nicht die Maschine entscheidet, ob ich denke. Ich entscheide, wozu ich sie benutze.
Zurück nach Paris
Das Video liegt noch immer in meinem Chat.
Ich sehe Männer, die einen Supermarkt plündern. Ich sehe eine Gruppe. Und sofort denke ich an Herdentrieb.
Die Erklärung kann stimmen. Sie muss es nicht.
Vielleicht begann einer, die anderen folgten. Vielleicht handelte jeder aus einem anderen Grund. Ich weiß es nicht.
Trotzdem hatte ich nach wenigen Sekunden mein Urteil gefällt.
Das Bemerkenswerte: Gerade hatte ich mich über Menschen empört, die anderen folgen, statt selbst zu denken.
Und nun ertappe ich mich dabei, wie ich meiner ersten Erklärung folge.
Ganz allein. Ohne Rudel.
Woher weiß ich das eigentlich?
Und was könnte mich davon überzeugen, dass ich mich irre?
English version below
The Others Must Know What They Are Doing
Why We Prefer Believing to Thinking
This morning, a Nepali friend sent me a video. Young men with covered faces are looting a supermarket, supposedly in Paris. They grab things from the shelves and carry them away. One goes first. Others follow.
We remember the Gen Z protests in Nepal in September 2025. Thousands of young people protested against corruption and the government’s ban on social media. Later, buildings burned, shops were looted, and people died.
I write: „Yes, this is how we behave in a crowd. Many of them would never dare to do this alone.“
Message sent. Case closed.
Or is it?
I don’t know any of these men. I don’t even know whether the video was really filmed in Paris. Yet it took me only a few seconds to explain their behaviour.
My brain works perfectly. Unfortunately.
The Lion in the Bushes
Daniel Kahneman would probably have smiled.
In his book Thinking, Fast and Slow, the psychologist explains how our brains make judgments. Quickly, easily, and often wrongly.
Long ago, this was very useful.
Imagine someone living in the African savanna. They hear a noise in the bushes. Is it a lion? If they stop to investigate carefully, they might not live long enough to finish their research.
So we developed a useful habit: react first, think later.
Kahneman calls this System 1. System 2 can check our first judgment. But that takes effort. And we humans prefer to save our energy.
This helps explain not only some behaviour in crowds, but also many comments on the internet.
The Wisdom of Religious Robes
In Nepal, I often meet Buddhist monks. Red robes, shaved heads, friendly faces. They speak calmly about compassion and how everything in life changes.
People listen. So do I.
Some impress me with their wisdom. Others seem to have a ready answer for every question. That sounds wonderful. But I cannot always tell whether they have thought deeply about their answers or simply repeated them many times.
I sometimes feel the same about priests, gurus, and other spiritual leaders.
Their institutions preserve knowledge, educate people, and do valuable work. But holding an important position does not automatically make someone wise.
Other people give us authority. Wisdom is something we must develop ourselves.
A calm voice does not prove anything. A friendly smile cannot replace a good argument. And someone who constantly tells us to let go of our ego might want to start with their own.
Interestingly, Buddha himself is said to have warned against blind trust. In the Kālāma Sutta, he teaches people not to accept something simply because it comes from tradition or a respected teacher. They should examine the teaching and its results.
Perhaps Buddha would be a rather uncomfortable guest in some monasteries today.
Four Words Are Enough
„Make America Great Again.“
Four words. One promise. An entire political movement.
When exactly was America great? For whom? And who made it less great?
The slogan gives no answers. The crowd cheers.
Of course, other politicians also appeal to emotions. „Yes We Can“ was not a detailed political programme either. Political excitement does not need footnotes.
But sooner or later, questions should follow.
What exactly is being promised? Who will benefit? What will it cost?
People who ask such questions sometimes spoil the mood. Supporters want hope. The person asking questions wants facts and figures.
That doesn’t always make them popular.
They rarely win prizes on the internet either. Online, attention is everything. We click, share, and repeat.
Psychologists know this as the illusion of truth effect: when we hear something often enough, we are more likely to believe it. Even when it is false.
Russia is bad. China is dangerous. Electric cars are useless. Artificial intelligence will destroy us.
Or exactly the opposite.
Millions of people cannot be wrong?
Oh yes, they can. Human history offers plenty of examples.
The Man Who Ruins the Evening
Imagine a group of friends sitting together. Wine on the table. Someone explains how the world works. Everyone agrees.
Then one person asks: „How do you know that?“
Silence.
Suddenly, the wine doesn’t taste quite so good.
I know this man. Sometimes I am that man.
I read, think, write, question my own thoughts, and start again. That can be exhausting. For me and for others.
Today, people like this are often called overthinkers. As if thinking were a bad habit.
Of course, we can also worry too much. Worrying often means going around in circles. Thinking carefully should eventually help us move forward.
But people who constantly ask questions risk losing their place in a comfortable group. Agreement brings people together. Doubt creates extra work.
Maybe that is why some people prefer writing to going to parties. Paper doesn’t argue back. At least not immediately.
But it would be foolish to think this makes us better than others. Some very intelligent people love parties. And some people who live alone are not very clever at all. Others spend years thinking without ever having a new idea.
I know that problem too.
The New Know-It-All
And now we have artificial intelligence.
I ask a question. Seconds later, an answer appears. Clear, elegant, convincing.
Wonderful. And a little suspicious.
Because AI can also explain beautifully why I am right. It often does this so pleasantly that I almost start to believe it is wise.
A digital guru. No robes, but excellent grammar.
But I can also ask it to challenge my thoughts, find arguments against my opinions, and show me my mistakes.
Then it becomes less pleasant. But perhaps much more useful.
The machine does not decide whether I think. I decide how to use it.
Back to Paris
The video is still in my chat.
I see men looting a supermarket. I see a group. And immediately I think of people following the crowd.
My explanation might be right. But it might also be wrong.
Perhaps one man started and the others followed. Perhaps each had a different reason. I simply don’t know.
Still, it took me only seconds to make up my mind.
And here is the funny part: I had just complained about people who follow others instead of thinking for themselves.
Now I catch myself following my own first explanation.
All alone. Without any crowd.
How do I actually know that?
And what could convince me that I am wrong?