Wenn der Kopf endlich etwas zu tun bekommt
Seit ich wieder programmiere, denke ich weniger tief nach.
Das klingt zunächst nicht nach geistigem Fortschritt. Ein Mann, der seit Jahren über Sinn, Liebe, Alter, Nepal, Spiritualität und die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz nachdenkt, sitzt plötzlich wieder vor Codezeilen und fühlt sich besser. Was sagt uns das? Vielleicht dies: Auch der tiefste Denker braucht gelegentlich ein Semikolon.
Mein Gehirn ist kein stiller Tempel. Es gleicht eher einem Marktplatz in Kathmandu. Motorroller hupen. Händler rufen. Hunde bellen. Irgendwo diskutiert jemand über Karma. Und mitten auf dem Platz steht ein älterer Herr und fragt sich, ob das alles einen Sinn hat. Solange niemand eingreift, macht das Gehirn weiter. Es sucht, fragt, verbindet, deutet – und wenn es nichts findet, deutet es eben das Nichts. Das nennt man dann gern Tiefsinn. Manchmal ist es aber nur Grübeln mit besserer Beleuchtung.
Beim Programmieren geschieht etwas anderes. Der Rechner ist gnadenlos. Er interessiert sich nicht für meine Kindheit, nicht für meine Sehnsucht und nicht für die geistige Welt. Er sagt nur: Syntaxfehler in Zeile 42. Das ist brutal. Aber auch wohltuend. Denn plötzlich ist die Welt klein genug, um bearbeitet zu werden. Nicht das Leben muss gelöst werden, sondern eine Funktion. Nicht die Liebe. Nicht das Alter. Nicht die Frage, ob alles Zufall ist. Nur diese eine Stelle im Code.
Also suche ich den Fehler. Ein Semikolon zu viel. Eine Klammer zu wenig. Eine Variable, die so tut, als sei sie definiert, es aber leider nicht ist. Ich ändere eine Zeile, drücke auf „Run“, und plötzlich läuft das Programm. Mehr braucht es manchmal nicht, damit der Kopf stiller wird. Nicht weil er ausgeschaltet wird. Sondern weil er endlich eine Aufgabe bekommt.
Vielleicht brauchen wir Menschen genau das: keine billige Ablenkung, keine Betäubung, sondern eine Tätigkeit, die Hände, Kopf und Aufmerksamkeit bindet. Etwas bauen. Etwas reparieren. Etwas pflanzen. Etwas schreiben. Etwas ordnen. Etwas, das antwortet. Ein Handwerker kennt das. Eine Gärtnerin kennt das. Ein Musiker kennt das. Und ein Kind kennt es ohnehin. Es baut einen Turm aus Klötzen und ist für fünf Minuten der Architekt des Universums. Dann fällt der Turm um. Weltuntergang. Zwei Sekunden später beginnt der Wiederaufbau. Erwachsene nennen das Resilienz. Kinder nennen es: noch mal.
Ich frage mich, ob Hishsi mit Kindern etwas Ähnliches erlebt. Wenn sie mit Kindern arbeitet, muss sie nicht dauernd über sich selbst nachdenken. Ein Kind fragt nicht nach der seelischen Tiefenstruktur seiner Bezugsperson. Ein Kind sagt: „Schau mal.“ Oder: „Hilf mir.“ Oder: „Warum?“ Dreimal hintereinander. Danach noch viermal. Kinder sind kleine Zen-Meister mit klebrigen Fingern. Sie holen uns aus dem Kopf. Sie dulden keine langen inneren Monologe. Sie wollen jetzt etwas. Nicht morgen. Nicht nach vollständiger Aufarbeitung sämtlicher Kindheitstraumata. Jetzt.
Vielleicht liegt darin eine eigene Kraft. Nicht weil Kinder uns heilen würden. Kinder sind keine Therapeuten. Zum Glück. Die meisten würden die Sitzung mit einem Keks beginnen und nach drei Minuten unter den Tisch kriechen. Aber Kinder zwingen in die Gegenwart. Sie reagieren sofort. Sie merken, ob ein Mensch wirklich da ist. Sie schenken Vertrauen nicht aus Höflichkeit, sondern aus Erfahrung. Wer da ist, ist da. Wer zuhört, hört zu. Wer lacht, lacht. Wer nur so tut, wird entlarvt – meist schneller als von jedem Psychologen.
Deshalb ist die Arbeit mit Kindern mehr als ein Beruf. Für manche Menschen ist sie ein Ort, an dem sie sich selbst wiederfinden. Ein Mensch, der innerlich zerrissen ist, kann dort plötzlich spüren: Ich kann trösten. Ich kann erklären. Ich kann halten. Ich kann lachen. Ich bin nicht nur meine Angst. Nicht nur meine Geschichte. Nicht nur mein Chaos. Ich bin jemand, den ein Kind an der Hand nimmt.
Wir verstehen uns oft erst durch das, worauf wir antworten. Große Philosophen haben dicke Bücher darüber geschrieben. Man kann aber auch einem Kind beim Schuheanziehen helfen. Dann versteht man ebenfalls einiges. Zum Beispiel dies: Der Sinn des Lebens versteckt sich selten in großen Begriffen. Er trägt meistens zwei ungleiche Socken.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Grübeln und Verstehen. Grübeln kreist. Verstehen antwortet. Grübeln fragt: Warum bin ich so? Verstehen fragt: Was ist jetzt zu tun?
Der Programmierer findet zurück zu sich, wenn der Code läuft. Die Erzieherin findet zurück zu sich, wenn ein Kind Vertrauen fasst. Der Fotograf findet zurück zu sich, wenn Licht und Blick für einen Moment zusammenfallen. Der Schreibende findet zurück zu sich, wenn ein Satz endlich stimmt. Und der Mensch? Der Mensch findet zurück zu sich, wenn er für einen Moment aufhört, sich selbst zu umkreisen.
Leider lässt sich das leichter schreiben als leben. Manche Köpfe sind Weltmeister im Kreisen. Meiner hat in dieser Disziplin mehrfach Gold geholt. Ohne Training. Ohne Trainer. Einfach Naturtalent. Aber ich lerne. Nicht jeder Gedanke verdient eine Audienz. Nicht jede Sorge braucht sofort einen Untersuchungsausschuss. Nicht jedes Gefühl ist ein Regierungsprogramm.
Manchmal hilft ein Spaziergang. Manchmal ein Gespräch. Manchmal ein Stück Code. Manchmal ein Kind, das sagt: „Komm.“ Und dann geht man. Nicht aus dem Leben heraus. Sondern in das Leben hinein.
Vielleicht ist das der eigentliche Trost: Wir müssen unser Denken nicht besiegen. Wir müssen ihm nur eine bessere Aufgabe geben. Eine, die größer ist als Angst, kleiner als die ganze Welt und nah genug, um jetzt damit anzufangen.
Vielleicht braucht auch der tiefste Denker am Ende nicht zuerst eine neue Erkenntnis. Sondern ein Semikolon. Und eine Aufgabe.
English version below
When the Mind Finally Has Something to Do
Since I started programming again, I have been thinking less deeply.
At first, that does not sound like spiritual progress. A man who has spent years thinking about meaning, love, ageing, Nepal, spirituality, and the fragility of human existence suddenly sits in front of lines of code and feels better. What does that tell us? Perhaps this: even the deepest thinker occasionally needs a semicolon.
My mind is no quiet temple. It is more like a marketplace in Kathmandu. Motorbikes honk. Vendors call out. Dogs bark. Somewhere, someone is discussing karma. And in the middle of the square stands an older gentleman wondering whether any of this has meaning. As long as no one intervenes, the mind carries on. It searches, asks, connects, interprets—and when it finds nothing, it interprets the nothing. We like to call that depth. Sometimes it is only brooding with better lighting.
Programming is different. The computer is merciless. It does not care about my childhood, my longing, or the spiritual world. It simply says: Syntax error in line 42. That is brutal. But also comforting. Suddenly the world is small enough to be worked on. Not life itself has to be solved, but a function. Not love. Not ageing. Not the question of whether everything is coincidence. Just this one place in the code.
So I look for the error. One semicolon too many. One bracket too few. A variable pretending to be defined when, unfortunately, it is not. I change one line, press “Run”, and suddenly the program works. Sometimes that is all it takes for the mind to become quieter. Not because it has been switched off. But because it finally has a task.
Perhaps we humans need exactly that: not cheap distraction, not numbness, but an activity that binds hands, mind, and attention. Building something. Repairing something. Planting something. Writing something. Sorting something out. Something that answers back. A craftsman knows this. A gardener knows this. A musician knows this. And a child knows it anyway. A child builds a tower out of blocks and, for five minutes, becomes the architect of the universe. Then the tower falls. End of the world. Two seconds later, reconstruction begins. Adults call this resilience. Children call it: again.
I wonder whether Hishsi experiences something similar with children. When she works with children, she does not have to think about herself all the time. A child does not ask about the emotional depth structure of its caregiver. A child says, “Look.” Or, “Help me.” Or, “Why?” Three times in a row. Then four more times. Children are little Zen masters with sticky fingers. They pull us out of our heads. They do not tolerate long inner monologues. They want something now. Not tomorrow. Not after the complete processing of all childhood trauma. Now.
Perhaps that is where their particular power lies. Not because children heal us. Children are not therapists. Thankfully. Most of them would begin the session with a biscuit and crawl under the table after three minutes. But children force us into the present. They respond immediately. They notice whether a person is truly there. They do not give trust out of politeness, but from experience. Whoever is there is there. Whoever listens listens. Whoever laughs laughs. Whoever only pretends is exposed—usually faster than by any psychologist.
That is why working with children is more than a profession. For some people, it is a place where they find themselves again. Someone who is inwardly torn can suddenly feel: I can comfort. I can explain. I can hold. I can laugh. I am not only my fear. Not only my history. Not only my chaos. I am someone a child takes by the hand.
We often understand ourselves only through what we respond to. Great philosophers have written thick books about this. But one can also help a child put on their shoes. That teaches a person quite a lot as well. For example this: the meaning of life rarely hides in grand concepts. It usually wears two mismatched socks.
Perhaps this is the difference between brooding and understanding. Brooding circles. Understanding responds. Brooding asks: Why am I like this? Understanding asks: What needs to be done now?
The programmer returns to himself when the code runs. The educator returns to herself when a child begins to trust. The photographer returns to himself when light and gaze meet for a moment. The writer returns to himself when a sentence finally works. And the human being? The human being returns to himself when, for a moment, he stops orbiting himself.
Unfortunately, this is easier to write than to live. Some minds are world champions in circling. Mine has won gold in this discipline several times. Without training. Without a coach. Pure natural talent. But I am learning. Not every thought deserves an audience. Not every worry needs an inquiry committee. Not every feeling is a government programme.
Sometimes a walk helps. Sometimes a conversation. Sometimes a piece of code. Sometimes a child who says, “Come.” And then we go. Not out of life. But into it.
Perhaps that is the real comfort: we do not have to defeat our thinking. We only have to give it a better task. One that is larger than fear, smaller than the whole world, and close enough to begin with now.
Perhaps even the deepest thinker does not first need a new insight in the end. But a semicolon. And a task.