Wenn die Probleme über unsere Zäune wachsen
Gefährlich werden Zeiten, in denen unsere Probleme die Grenzen überschreiten – und wir aus Angst beginnen, diese Grenzen höher zu bauen.
Deutschland gab es einmal gar nicht.
Jedenfalls nicht als Staat. Um 1800 war das Land ein Flickenteppich aus Königreichen, Herzogtümern, Fürstentümern und freien Städten. Man war Preuße, Bayer, Sachse oder Hamburger. Grenzen, Zölle, Gesetze, Währungen und Herrscher wechselten unterwegs.
Dann geriet diese Ordnung unter Druck.
Die Französische Revolution erschütterte Europa. Napoleon besetzte deutsche Gebiete. Junge Menschen entwickelten ein neues Nationalgefühl. Viele wollten nicht nur ein einiges Deutschland. Sie wollten Freiheit, Bürgerrechte und Verfassungen.
1848 versuchten sie es mit Demokratie.
Die Revolution scheiterte.
1871 kam die Einheit trotzdem – unter preußischer Führung und nach mehreren Kriegen.
Und kaum stand der neue Nationalstaat, wuchs die Welt schon über ihn hinaus.
Die Zukunft fuhr mit der Eisenbahn
Eisenbahn und Telegraphie ließen Entfernungen schrumpfen. Chemie, Elektrizität und Maschinenbau veränderten Produktion und Alltag. Wissenschaft erklärte die Welt nicht mehr nur. Sie baute sie um.
Deutschland stieg in wenigen Jahrzehnten zur führenden Industrienation auf.
Doch Technik verändert nicht nur Maschinen. Sie verändert Gesellschaften.
Menschen zogen in die Städte. Neue Berufe und soziale Klassen entstanden. Alte Sicherheiten verschwanden. Arbeiter organisierten sich. Der Staat reagierte mit Sozialversicherungen.
Die Welt wurde schneller.
Und größer.
Selbst die deutsche Einigung hatte einen wirtschaftlichen Vorläufer. Der Zollverein beseitigte viele Zollgrenzen, lange bevor die politische Grenze Deutschlands entstand. Waren fanden früher zusammen als Staaten.
Wirtschaft, Kommunikation und Technik wuchsen über Grenzen hinaus.
Gleichzeitig wurde das nationale Denken stärker.
Darin liegt ein Widerspruch, den wir kennen sollten:
Die Wirklichkeit zog die Menschen nach außen. Die Angst zog sie nach innen.
Das Problem war nicht die Nation
Das nationale „Wir“ hatte zunächst etwas Sinnvolles geleistet.
Es schuf einen größeren Raum als die alten Fürstentümer. Menschen lernten, Verantwortung und Solidarität über Preußen, Bayern oder Sachsen hinaus zu denken.
Gefährlich wurde es, als aus
„Wir gehören zusammen“
zunehmend
„Wir müssen uns gegen die anderen behaupten“
wurde.
Europas Wirtschaft verflocht sich immer stärker. Gleichzeitig konkurrierten die Nationalstaaten um Macht, Rohstoffe, Kolonien und militärische Stärke.
1914 zeigte, wohin diese gegenläufigen Bewegungen führen konnten.
Unsere politische Vorstellungskraft hinkte der Welt hinterher, die Technik und Wirtschaft geschaffen hatten.
Und heute?
Geschichte wiederholt sich nicht.
Aber manchmal reimt sie sich verdächtig gut.
Wieder erleben wir eine technische Revolution. Diesmal heißen ihre Werkzeuge künstliche Intelligenz, Robotik und Biotechnologie.
Wieder verändert sich Arbeit.
Alte Gewissheiten geraten ins Wanken.
Europa fühlt sich militärisch bedroht. Die USA und China ringen um technologische und wirtschaftliche Macht. Lieferketten werden zu Sicherheitsfragen. Nation, Religion und kulturelle Zugehörigkeit gewinnen politische Kraft.
America First.
Unser Land. Unsere Wirtschaft. Unsere Grenzen.
Zum Glück gibt es noch keine Marskolonie. Sonst käme irgendwann „Mars First“.
Wir sollten über dieses Bedürfnis nicht spotten.
Menschen brauchen Zugehörigkeit.
Grenzen können schützen.
Das gilt für den einzelnen Menschen, für Beziehungen und Familien ebenso wie für Gemeinden und Staaten.
Eine Welt ohne Grenzen wäre nicht automatisch eine menschlichere Welt.
Nur haben unsere großen Probleme eine lästige Eigenschaft:
Sie können keine Landkarten lesen.
CO₂ hat keinen Pass
Das Klima endet nicht an der deutschen Grenze. Deutschland verursacht heute weniger als zwei Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen. Selbst ein klimaneutrales Deutschland löst deshalb das Klimaproblem nicht allein.
Ein Virus beantragt kein Visum.
Ein Cyberangriff springt über Netze, nicht über Schlagbäume.
Und KI ist es egal, wo Chips gefertigt, Software entwickelt und Modelle genutzt werden.
Klima, Pandemien, Daten, Lieferketten, Cyberangriffe und künstliche Intelligenz überschreiten nationale Grenzen.
Unsere Probleme werden globaler.
Unsere Ängste werden häufig nationaler.
Genau diese Kombination macht Zeiten gefährlich.
Angst sagt:
Bau den Zaun höher.
Aber der höchste Zaun hilft wenig, wenn das Problem darüber hinwegfliegt.
Grenzen sind nicht das Problem
Das führt zu einer überraschenden Einsicht.
Wir brauchen Grenzen.
Ich brauche persönliche Grenzen, damit ich ein eigenständiger Mensch sein kann.
Beziehungen brauchen Grenzen, damit Liebe nicht Besitz wird.
Familien brauchen einen Raum besonderer Verantwortung.
Gemeinden brauchen Zuständigkeiten.
Staaten brauchen Grenzen, um Recht, Demokratie und Sozialstaat zu organisieren.
Eine Grenze sagt:
Hier beginnt meine besondere Verantwortung.
Der Fehler beginnt erst, wenn wir daraus machen:
Hier endet meine Verantwortung.
Das sind zwei völlig verschiedene Sätze.
Ein schreckliches Wort für eine gute Idee
Politisch gibt es dafür ein Prinzip: Subsidiarität.
Ein schreckliches Wort für eine ziemlich menschliche Idee:
So nah wie möglich. So weit wie nötig.
Über die Parkbank entscheidet die Gemeinde.
Schulen brauchen keine Weltregierung.
Der Sozialstaat braucht einen handlungsfähigen Staat.
Europäische Sicherheit braucht europäische Zusammenarbeit und Bündnisse.
Das Klima braucht die Welt.
Für künstliche Intelligenz brauchen wir Regeln, die weiter reichen als die Staaten, in denen Server stehen.
Nicht alles muss größer werden.
Die Verantwortung muss nur weit genug reichen, um das Problem zu umfassen.
Und sie darf nicht unnötig weit vom Menschen wegrücken.
Denn auch das lehrt die Geschichte: Große politische Einheiten können mächtig sein. Sie können aber auch fern, bürokratisch und schwer kontrollierbar werden.
Die Lösung heißt deshalb weder Zentralismus noch Kleinstaaterei.
Sie heißt:
die richtige Verantwortung am richtigen Ort.
Wir haben das schon öfter geschafft
Das macht mich zuversichtlich.
Menschen haben ihre politischen Räume immer wieder verändert, wenn die alten nicht mehr ausreichten.
Die deutschen Kleinstaaten überwanden ihre Zollgrenzen.
Die Industrialisierung brachte Sozialversicherungen hervor.
Nach zwei Weltkriegen beschlossen europäische Erzfeinde, ausgerechnet Kohle und Stahl gemeinsam zu kontrollieren. Daraus entwickelte sich die Europäische Union.
Andere Kulturen fanden andere Antworten. Griechische Stadtstaaten verbündeten sich gegen gemeinsame Bedrohungen. Rom verband sehr unterschiedliche Völker in einem Rechtsraum. Indien versucht, enorme kulturelle Vielfalt in einer Demokratie zusammenzuhalten. Afrikanische Staaten bauen heute über koloniale Grenzen hinweg einen gemeinsamen Markt.
Nicht alles gelang.
Manches endete schrecklich.
Aber Menschen lernten.
Das ist vielleicht unsere am meisten unterschätzte Fähigkeit.
Wir sind nicht nur die Spezies, die immer bessere Werkzeuge baut.
Wir sind auch die Spezies, die Regeln, Rechte und Institutionen erfinden kann, wenn ihre Werkzeuge die alte Welt verändern.
Wir müssen die Zäune nicht niederreißen
Ich kann Schleswig-Holsteiner sein, Deutscher, Europäer und Mensch.
Ich muss mich nicht entscheiden.
Meine Nähe bestimmt, wo meine besondere Verantwortung beginnt. Sie bestimmt nicht, wo meine Menschlichkeit endet.
Vielleicht ist das die Lektion, die wir aus Deutschland zwischen 1789 und 1914 mitnehmen sollten.
Gefährlich wird eine Gesellschaft nicht, weil Menschen zusammengehören wollen.
Gefährlich wird es, wenn Angst das „Wir“ immer enger zieht, während die Probleme immer größere Kreise ziehen.
Genau deshalb sollten wir heute aufmerksam sein.
Nicht ängstlich.
Denn wir kennen das Problem.
Und wir haben etwas, das Menschen früherer Jahrhunderte ebenfalls hatten: die Fähigkeit, neue Formen des Zusammenlebens zu erfinden.
Wir müssen unsere Zäune nicht niederreißen.
Wir müssen lernen, wo sie hingehören.
Und wo ein Zaun nötig ist, können wir immer noch ein Tor hineinbauen.
English version below
When Our Problems Outgrow Our Fences
Times become dangerous when our problems cross borders — and fear makes us respond by building those borders higher.
Germany did not always exist.
Not as a state, at least. Around 1800, the German-speaking lands were a patchwork of kingdoms, duchies, principalities and free cities. People were Prussian, Bavarian, Saxon or citizens of Hamburg. Borders, customs duties, laws, currencies and rulers changed along the way.
Then this old order came under pressure.
The French Revolution shook Europe. Napoleon occupied German territories. A new sense of national identity began to emerge, especially among the young. Many wanted more than a united Germany. They wanted freedom, civil rights and constitutions.
In 1848, they tried democracy.
The revolution failed.
German unity came anyway in 1871 — under Prussian leadership and after several wars.
And hardly had the new nation state been created when the world began to outgrow it.
The Future Arrived by Train
Railways and the telegraph shrank distances. Chemistry, electricity and mechanical engineering transformed production and everyday life. Science no longer merely explained the world. It began to rebuild it.
Within a few decades, Germany rose to become a leading industrial power.
But technology does not merely change machines. It changes societies.
People moved to the cities. New professions and social classes emerged. Old certainties disappeared. Workers organised. The state responded with social insurance.
The world became faster.
And larger.
Even German unification had an economic forerunner. The Zollverein, the German customs union, removed many internal trade barriers long before Germany had a common political border.
Goods crossed boundaries before governments did.
Trade, communication and technology expanded beyond existing borders.
At the same time, national feeling grew stronger.
That produced a contradiction we should recognise:
Reality pulled people outward. Fear pulled them inward.
The Nation Was Not the Problem
At first, the national “we” had achieved something valuable.
It created a larger political space than the old principalities could provide. People learned to think about solidarity and responsibility beyond Prussia, Bavaria or Saxony.
The danger came when
“We belong together”
increasingly became
“We must defend ourselves against the others.”
Europe’s economies became ever more interconnected. At the same time, nation states competed for power, raw materials, colonies and military strength.
In 1914, the consequences became devastatingly clear.
Our political imagination had fallen behind the world that technology and economic change had created.
And Today?
History does not repeat itself.
But sometimes it rhymes rather too well.
Once again, we are living through a technological revolution. This time its tools are artificial intelligence, robotics and biotechnology.
Work is changing again.
Old certainties are weakening.
Europe once again feels militarily threatened. The United States and China compete for technological and economic power. Supply chains have become questions of national security. Nation, religion and cultural identity are gaining political force.
America First.
Our country. Our economy. Our borders.
Fortunately, there is no colony on Mars yet. Otherwise, sooner or later, someone would demand “Mars First”.
We should not mock the need behind such slogans.
People need to belong.
Borders can protect.
That is true for individuals, relationships and families, as well as for communities and states.
A world without borders would not automatically be a more humane world.
Our biggest problems, however, have one inconvenient habit:
They cannot read maps.
CO₂ Does Not Carry a Passport
The climate does not stop at Germany’s border. Germany today accounts for less than two percent of global CO₂ emissions. Even a carbon-neutral Germany cannot solve climate change on its own.
A virus does not apply for a visa.
A cyberattack travels through networks, not border checkpoints.
And AI does not care where its chips are manufactured, its software developed or its models used.
Climate change, pandemics, data, supply chains, cyberattacks and artificial intelligence all cross national borders.
Our problems are becoming more global.
Our fears are often becoming more national.
It is precisely this combination that makes an era dangerous.
Fear says:
Build the fence higher.
But the highest fence is of little use when the problem can simply fly over it.
Borders Are Not the Problem
This leads to a surprising conclusion.
We need boundaries.
I need personal boundaries to remain an autonomous human being.
Relationships need boundaries so that love does not become possession.
Families need a space of particular responsibility.
Communities need clear responsibilities.
States need borders to uphold law, democracy and social protection.
A boundary says:
My particular responsibility begins here.
The mistake begins when we turn that into:
My responsibility ends here.
Those are two very different statements.
A Terrible Word for a Good Idea
Politics has a name for this principle: subsidiarity.
A terrible word for a rather humane idea:
As close as possible. As broad as necessary.
The local council can decide where to put the park bench.
Schools do not need a world government.
A welfare state needs a capable nation state.
European security requires European cooperation and alliances.
The climate requires the world.
Artificial intelligence needs rules that reach beyond the countries where its servers happen to stand.
Not everything needs to become bigger.
Responsibility simply has to reach far enough to match the problem.
And it should not move further away from people than necessary.
History teaches us that too. Large political structures can be powerful. They can also become distant, bureaucratic and difficult to control.
The answer, then, is neither centralisation nor fragmentation.
It is:
the right responsibility at the right level.
We Have Done This Before
That gives me confidence.
Human beings have repeatedly reshaped their political spaces when the old ones no longer matched reality.
The German states removed customs barriers between them.
Industrialisation led to social insurance.
After two world wars, former European enemies decided to place the very resources that had fuelled industrial and military power — coal and steel — under shared institutions. From that cooperation grew the European Union.
Other cultures found other answers. Greek city-states formed alliances when they faced common threats. Rome brought very different peoples into a shared legal space. India continues the extraordinary experiment of holding immense cultural diversity together within a democracy. African states are building a common market across borders that were often drawn under colonial rule.
Not everything worked.
Some attempts ended terribly.
But human beings learned.
That may be one of our most underestimated abilities.
We are not only the species that keeps inventing better tools.
We are also the species capable of inventing new rules, rights and institutions when our tools transform the old world.
We Do Not Have to Tear Down the Fences
I can belong to Schleswig-Holstein, to Germany, to Europe and to humanity.
I do not have to choose.
Closeness tells me where my particular responsibility begins. It does not tell me where my humanity ends.
Perhaps that is the lesson we should take from Germany between 1789 and 1914.
A society does not become dangerous because people want to belong together.
Danger arises when fear makes the circle of “us” smaller and smaller while our problems spread in ever wider circles.
That is why we should pay attention today.
Not with fear.
We recognise the problem.
And we possess something that people in earlier centuries possessed too: the ability to invent new ways of living together.
We do not have to tear down our fences.
We have to learn where they belong.
And wherever a fence is necessary, we can still build a gate.