Der Zaun im Kopf
Heute Abend bin ich mit dem Fahrrad durch die Felder gefahren.
Es war einer dieser Abende, an denen die Landschaft nichts von einem will. Felder, Wege, Bäume, Hecken. Hier und da ein Haus. Kühe auf einer Weide. Und Zäune.
Viele Zäune.
Ein paar Pfähle und Draht. Hecken zwischen Grundstücken. Gräben, Tore, Schilder.
Diesseits gehört jemandem etwas. Jenseits jemand anderem.
Und plötzlich fragte ich mich: Was sähe ich, wenn ich nicht wüsste, was ein Zaun bedeutet?
Holzpfähle. Draht. Eine Hecke.
Die Landschaft selbst kennt kein Eigentum.
Der Regen hält sich an keine Grundstücksgrenze. Der Wind fragt nicht, wem das Korn gehört. Ein Vogel landet auf einem Zaunpfahl, ohne zu wissen, dass er gerade zwei Grundstücke voneinander trennt. Und die Schnecke, die von Grundstück A nach Grundstück B kriecht, reist nicht illegal ein.
Der Zaun steht dort wirklich.
Die Grenze entsteht in unseren Köpfen.
Wir ziehen Linien
Das ist zunächst nichts Schlechtes.
Wir Menschen müssen unsere Welt ordnen. Mein Garten, dein Garten. Mein Fahrrad, dein Fahrrad. Dein Schlafzimmer, meine Zahnbürste. Spätestens bei der Zahnbürste bin auch ich für klare Grenzen.
Eigentum kann Streit verhindern. Grenzen schaffen Zuständigkeiten. Staaten geben Rechte und Pflichten. Ohne gemeinsam anerkannte Regeln könnten Millionen Menschen kaum miteinander leben.
Schwierig wird es, wenn wir vergessen, wer diese Ordnung geschaffen hat.
Wir.
Aus Grundstücken werden Staatsgebiete. Aus Menschen werden Deutsche, Nepalesen, Franzosen. Wir ziehen Linien auf Karten, geben den Flächen Namen und schaffen Pässe, Hymnen und Flaggen.
Bald erscheinen uns diese Dinge so selbstverständlich wie Berge und Flüsse.
Doch wer über die deutsch-dänische Grenze fährt, sieht keinen Strich in der Landschaft. Die Erde hat ihn nicht gezogen.
Wir haben ihn gezogen.
Und trotzdem entscheidet diese unsichtbare Linie darüber, welcher Staat zuständig ist, welches Recht gilt und wer welchen Pass bekommt.
Das macht die Grenze nicht unwirklich.
Sie ist nur anders wirklich als ein Fluss oder ein Baum: Sie ist wirklich, weil wir Menschen sie gemeinsam für wirklich halten und danach handeln.
Das ist eine ungeheure menschliche Fähigkeit.
Und manchmal eine gefährliche.
Wir erschaffen Wirklichkeit
Während ich weiterfuhr, wurde der Gedanke größer.
Wir erfinden nicht nur Grenzen. Wir schaffen Nationen, Eigentum und Geld. Wir schaffen Regeln und Institutionen, Symbole und Geschichten.
Und wir suchen Sinn.
Wir erleben etwas – und geben ihm sofort Bedeutung.
Ein Mensch stirbt. Wir fragen: Warum?
Wir leiden. Wir fragen: Wozu?
Wir lieben. Und schon fragen wir: Was bedeutet diese Liebe?
Vielleicht gilt das auch für unsere Vorstellungen von Gott, Engeln, Teufeln, Sünde und Religion.
Damit sage ich nicht, dass Gott nicht existiert. Das weiß ich nicht. Heute misstraue ich nur Menschen, die es zu genau wissen.
Was ich beobachten kann, ist etwas anderes: Wir Menschen können offenbar kaum etwas erleben, ohne daraus eine Geschichte über die Welt zu machen.
Eine Sonnenblume blüht.
Wir sehen sie – und denken an Schönheit, Schöpfung, Evolution oder Vergänglichkeit.
Die Sonnenblume selbst hat es leichter.
Sie steht einfach da.
Wir töten für Geschichten
Unsere Fähigkeit, Bedeutung zu schaffen, hat Kathedralen hervorgebracht, Gedichte, Menschenrechte, Musik und Wissenschaft.
Aber auch Kreuzzüge, Nationalismus und Religionskriege.
Natürlich ist nicht jede Gewalt eine Folge unserer Geschichten. Tiere kämpfen um Nahrung und Reviere. Angst, Aggression und Konkurrenz sind älter als Nationen und Religionen.
Aber wir Menschen können etwas Besonderes.
Wir können für eine Fahne sterben.
Wir können im Namen eines Gottes töten.
Wir können einen Menschen zum Feind erklären, weil er auf der anderen Seite einer Linie geboren wurde.
Dafür braucht es eine Geschichte.
Und wir müssen vergessen haben, dass es eine Geschichte ist.
Das eigentliche Problem
Der Buddhismus beschäftigt sich seit mehr als zweitausend Jahren mit einem Gedanken, der mich zunehmend fasziniert: Wir leiden nicht nur an den Dingen. Wir leiden auch daran, dass wir unsere Vorstellungen über die Dinge mit den Dingen selbst verwechseln.
Wir geben etwas einen Namen.
Dann glauben wir an den Namen.
Aus einer Linie wird eine Grenze.
Eine Vorstellung wird zur Nation.
Eine Überzeugung gilt plötzlich als Wahrheit.
Aus einem Menschen wird ein Fremder, aus dem Fremden ein Feind.
Vielleicht liegt darin eine der großen Absurditäten unserer Spezies: Wir können Welten erschaffen – und anschließend vergessen, dass wir ihre Erfinder waren.
Und die Liebe?
Diese Frage kam mir irgendwo zwischen zwei Feldern.
Wenn so vieles durch unsere Suche nach Bedeutung entsteht: Würde es ohne sie überhaupt Liebe geben?
Ich glaube schon.
Vielleicht ist Liebe sogar eines der Dinge, die schon da sind, bevor wir anfangen, über sie nachzudenken.
Ein Säugling sucht Nähe, lange bevor er das Wort Liebe kennt. Menschen sorgen füreinander, berühren und vermissen einander. Auch Tiere zeigen Bindung, Fürsorge und Trauer.
Dafür braucht es keine Definition.
Dann kommen wir Menschen und erklären der Liebe, was sie zu sein hat.
Partnerschaft. Ehe. Treue. Familie. Richtig. Falsch.
Diese Begriffe sind nicht nutzlos. Im Gegenteil. Sie können schützen, Verlässlichkeit schaffen und Verantwortung benennen.
Aber keiner dieser Begriffe ist die Liebe.
Vielleicht geschieht mit ihr dasselbe wie mit dem Zaun.
Da ist zunächst etwas Wirkliches: Nähe, Zuneigung, Sorge, Sehnsucht, Freude am anderen.
Dann bauen wir etwas darum herum.
Und irgendwann betrachten wir den Zaun und glauben, er sei das, was er einhegt.
Wir brauchen unsere Geschichten
Als ich mich meinem Zuhause näherte, hatte sich meine ursprüngliche Frage verändert.
Ich möchte gar nicht in einer Welt leben, in der Menschen keinen Sinn suchen.
Was wäre das für eine Welt ohne Geschichten, Gedichte, Musik, Religion, Philosophie, Erinnerungen und Hoffnungen? Ohne all die wunderbaren Verrücktheiten, mit denen wir unserem kurzen Aufenthalt auf diesem Planeten Bedeutung geben?
Vielleicht besteht das Problem nicht darin, dass wir Sinn erschaffen.
Vielleicht besteht es darin, dass wir vergessen, dass wir ihn erschaffen.
Wir können Nationen haben und trotzdem wissen, dass Menschen wichtiger sind als Nationen.
Wir können Religionen haben und trotzdem ahnen, dass keine Religion Gott besitzen kann.
Wir können Eigentum haben und trotzdem wissen, dass uns selbst dieses Stück Erde nur auf Zeit gehört.
Und wir können Vorstellungen von Liebe haben, ohne die Vorstellung mit der Liebe zu verwechseln.
Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn wir unsere Geschichten etwas leichter hielten.
Nicht wegwerfen. Nicht für bedeutungslos erklären.
Nur hin und wieder durch sie hindurchsehen.
Auf den Menschen.
Auf die Landschaft.
Auf das, was tatsächlich geschieht.
Kurz vor meinem Zuhause fuhr ich wieder an einem Zaun vorbei. Dahinter lag ein Feld, darüber der Abendhimmel. Auf einem Pfahl saß ein Vogel.
Der Zaun stand.
Die Grenze entstand in meinem Kopf.
Der Vogel hatte das offenbar die ganze Zeit gewusst.
English version below
The Fence in Our Minds
This evening, I was cycling through the fields.
It was one of those evenings when the landscape asks nothing of you. Fields, paths, trees, hedges. A house here and there. Cows grazing in a meadow. And fences.
Lots of fences.
A few wooden posts and some wire. Hedges dividing one property from another. Ditches, gates, signs.
On this side, something belongs to one person. On the other, to someone else.
And suddenly I wondered: What would I see if I didn’t know what a fence meant?
Wooden posts. Wire. A hedge.
The landscape itself knows nothing of property.
Rain takes no notice of property lines. The wind doesn’t ask who owns the wheat it passes through. A bird lands on a fence post without knowing that it is perched on the boundary between two pieces of private property. And the snail crawling from plot A to plot B is not entering the country illegally.
The fence is real.
The boundary arises in our minds.
We Draw Lines
There is nothing inherently wrong with that.
We humans need to organise our world. My garden, your garden. My bicycle, your bicycle. Your bedroom, my toothbrush. When it comes to toothbrushes, even I am a firm believer in clear boundaries.
Property can prevent conflict. Borders define responsibilities. States establish rights and duties. Without rules that we collectively recognise, millions of people could hardly live together.
The trouble begins when we forget who created this order.
We did.
Plots of land become territories. People become Germans, Nepalis, French. We draw lines on maps, give the areas names, and create passports, anthems and flags.
Before long, these things seem as natural to us as mountains and rivers.
Yet if you cross the border between Germany and Denmark, there is no line in the landscape. The earth did not draw one.
We did.
And still, that invisible line determines which state has authority, which laws apply and who is entitled to which passport.
That does not make the border unreal.
It is simply real in a different way from a river or a tree: it is real because we collectively treat it as real and act accordingly.
That is an extraordinary human ability.
And sometimes a dangerous one.
We Create Reality
As I cycled on, the thought grew larger.
Borders are not the only things we invent. We create nations, property and money. We create rules and institutions, symbols and stories.
And we search for meaning.
Something happens to us — and we immediately give it meaning.
Someone dies. We ask: Why?
We suffer. We ask: What for?
We love. And already we are asking: What does this love mean?
Perhaps the same is true of our ideas about God, angels, devils, sin and religion.
I am not saying that God does not exist. I don’t know. These days, I simply distrust people who seem to know such things with too much certainty.
What I can observe is something else: we humans seem almost incapable of experiencing anything without turning it into a story about the world.
A sunflower blooms.
We look at it — and think of beauty, creation, evolution or impermanence.
The sunflower has it easier.
It simply stands there.
We Kill for Stories
Our ability to create meaning has given us cathedrals, poetry, human rights, music and science.
But it has also given us crusades, nationalism and religious wars.
Of course, not all violence comes from our stories. Animals fight over food and territory. Fear, aggression and competition are older than nations and religions.
But humans can do something rather special.
We can die for a flag.
We can kill in the name of a god.
We can turn another human being into an enemy simply because they were born on the other side of a line.
For that, we need a story.
And we need to have forgotten that it is a story.
The Real Problem
For more than two thousand years, Buddhism has explored an idea that fascinates me more and more: we do not suffer only because of things themselves. We also suffer because we mistake our ideas about things for the things themselves.
We give something a name.
Then we start believing in the name.
A line becomes a border.
An idea becomes a nation.
A conviction suddenly counts as truth.
A person becomes a stranger, and the stranger becomes an enemy.
Perhaps this is one of the great absurdities of our species: we can create entire worlds — and then forget that we were their creators.
And What About Love?
That question came to me somewhere between two fields.
If so much of our world arises from our search for meaning, would love exist without it?
I think it would.
Perhaps love is one of those things that is already there before we begin thinking about it.
A baby seeks closeness long before it knows the word love. People care for one another, touch one another and miss one another. Animals, too, show attachment, care and grief.
None of this requires a definition.
Then we humans come along and start telling love what it is supposed to be.
Partnership. Marriage. Fidelity. Family. Right. Wrong.
These concepts are not useless. Quite the opposite. They can protect us, create trust and help us define responsibility.
But none of them is love.
Perhaps the same thing happens to love as happens to the field behind the fence.
First there is something real: closeness, affection, care, longing, delight in another person.
Then we build something around it.
And eventually we stare at the fence and mistake it for what the fence surrounds.
We Need Our Stories
By the time I was nearing home, my original question had changed.
I would not want to live in a world where humans no longer searched for meaning.
What kind of world would that be without stories, poetry, music, religion, philosophy, memories and hopes? Without all the wonderful absurdities through which we give meaning to our brief stay on this planet?
Perhaps the problem is not that we create meaning.
Perhaps the problem begins when we forget that we created it.
We can have nations and still remember that people matter more than nations.
We can have religions and still suspect that no religion can own God.
We can own property and still remember that even the piece of earth we call ours is ours only for a while.
And we can have ideas about love without confusing those ideas with love itself.
Perhaps much would change if we could hold our stories a little more lightly.
Not throw them away. Not declare them meaningless.
Just look through them from time to time.
At the person.
At the landscape.
At what is actually happening.
Just before I reached home, I passed another fence. Beyond it lay a field, and above it the evening sky. A bird was sitting on one of the posts.
The fence was there.
The boundary arose in my mind.
The bird, apparently, had known that all along.